Erinnert sich noch jemand an die goldene Zeit? Lang ist's her, zwei Bundesligisten standen im Champions-League-Endspiel, 14 deutsche Profis kamen zum Einsatz. Die DFB-Nachwuchsreform der Jahrhundertwende trug Früchte, die Weltmeisterschaft konnte kommen. Ein Jahr liegt das zurück.

In diesen Tagen würde Joachim Löw die WM wohl am liebsten um ein Jahr verschieben. Die guten deutschen Fußballer gibt es zwar immer noch, er hat gleich 30 für seinen vorläufigen Kader nominiert. Doch es sind nicht deshalb so viele wie nie zuvor, weil sie so gut sind, sondern weil er nicht weiß, wie gut sie im Moment sind. Löw will Zeit gewinnen, schauen, wer noch schnell und lange genug laufen kann.

Löws Problemfälle im Kader teilen sich in zwei große Gruppen. Die erste besteht aus den Lahmen. Weil er in der Vergangenheit schlechte Erfahrung damit gemacht hat, auf Spieler zu setzen, die zuvor lange verletzt waren, sagte Löw im Herbst: "Wenn ein Spieler normal in die Vorbereitung in der Winterpause startet und alle Spiele macht, gehe ich davon aus, dass er in guter Form zu uns kommt." Heißt: Ab Januar oder Februar sollte der Spieler durchgehend fit sein. Auf viele aus dem Kader trifft das nicht zu.

Den dauerverletzten Mario Gomez hat er aussortiert – traurig, aber wohl richtig. Ilkay Gündogan, seit August inaktiv, stand ohnehin nicht zur Debatte. Doch auch aus dem Kreis der Erwählten waren oder sind drei Schlüsselspieler nicht gut zu Fuß: Sami Khedira wird nach sechs Monaten erst wieder gesund. Miroslav Klose erlebt diese Saison ein Wechselspiel von Verletzung und Comeback, im Rhythmus ist der bald 36-Jährige nicht. Und Mesut Özil musste kürzlich wochenlang pausieren. Verletzt waren auch die beiden Verteidiger Marcel Schmelzer und Benedikt Höwedes, auch sie müssten nach Löws Regel eigentlich zu Hause bleiben.

Die Spieler der zweiten Gruppe sind die Betrübten. Sie sind zwar gesund, aber nicht gut drauf. Heiko Westermann und René Adler hat Löw wegen Morbus HSV gestrichen, einer besonders unangenehmen Art der Melancholie. Doch auch die nominierten Premier-League-Profis André Schürrle und Lukas Podolski drücken in dieser Saison meist die Bank. Julian Draxler kickt auf Schalke seit Wochen weit unter seinem Können. Und mit welchem Selbstbewusstsein und welcher Stärke der Block aus München, das Gerüst der Löw-Elf, nach Brasilien reist, ist nach dem 0:4 gegen Madrid und der Debatte um ihr Spielkonzept fraglich. Bayern-Blues, wie 2012 nach dem verlorenen Finale dahoam.

Die Misere mit den Lahmen und Betrübten macht sich an einer Stelle im Kader besonders bemerkbar: Im winzigen Zwei-Mann-Angriff hat nur einer Länderspiele bestritten, Miroslav Klose. Der andere ist der Neuling Kevin Volland, er stößt wie die Mittelfeldspieler Max Meyer, Leon Goretzka und André Hahn sowie die Abwehrspieler Matthias Ginter, Shkodran Mustafi und Erik Durm nahezu ohne Erfahrung zur Nationalelf. Löw hat den Kern seiner Mannschaft mit Talenten angereichert. Mutig.

Was davon bleibt, wird man nach Bekanntgabe des endgültigen Kaders sehen. Vermutlich wird er die meisten Jungen streichen und auf die Stammkräfte setzen. Weil es aber unmöglich ist, dass alle von denen in Topform sein werden, ist Deutschland nicht mehr der große Favorit, für den er lange gehalten wurde.

Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Dem Trainer und dem Team könnte eine Bürde genommen sein. Das Team wurde dem höchsten Anspruch wohl ohnehin nie ganz gerecht, ihm fehlt es, selbst wenn alle gesund sind, an Stürmern und Verteidigern der allerersten Güte. Und der Trainer muss nicht mehr so genervt sein, weil ganz Deutschland von ihm den Titel erwartet, um das vercoachte Halbfinale gegen Italien wettzumachen. Wir sind nicht so gut wie ihr denkt, hat Löw in jüngster Zeit sinngemäß mehrfach gesagt, als wollte er einer Enttäuschung vorbauen.

Und noch eine Hoffnung: Das Turnier ist nicht das erste einer deutschen Mannschaft, das unter schwierigen Vorzeichen beginnt. 2010 prophezeiten viele nach Michael Ballacks Verletzung das Vorrundenaus. In der Hysterie vor 2006 rieten einige Experten der Mannschaft zu Urlaub statt Fußball. Beide Male erreichte sie das Halbfinale, teilweise mit begeisterndem Fußball. Thomas Müller wurde 2010 Torschützenkönig, obwohl er vor dem Turnier nur ein Mal das DFB-Trikot getragen hatte. Vielleicht muss der Deutsche den Teufel an die Wand gemalt sehen, um Gutes zu leisten.