ZEIT ONLINE: Frau Böhm, was macht Brasilien heute?

Myriam Böhm: Wir haben Bombenwetter – und der Strand von Brasilien bereitet sich mit Hochdruck auf die WM vor. Dort werden ein paar Bühnen aufgebaut, da sollen dann während der Spiele brasilianische Tänzerinnen auftreten. Es gibt Flaggen und Musik – ich finde es herrlich. Am Ende soll unser Brasilien ein Stück der WM in Brasilien miterleben. 

ZEIT ONLINE: Ihr Ur-Ur-Großvater ist ja schuld, dass der Ort so heißt wie er heißt. 

Böhm: Das stimmt. Das war aber alles völlig unspektakulär und irgendwie reiner Zufall.

ZEIT ONLINE: Nämlich wie?

Böhm: Naja, es gab damals zwei Fischer hier, die haben beide ihre Häuser am Meer gebaut. Ortsnamen gab es damals noch nicht. Der eine – Peter Steffen – hat am Strand eine alte Planke von einem Schiffswrack gefunden, da stand Kalifornien drauf. Die hat er an sein Haus genagelt und zu dem anderen Fischer gesagt: Mein Haus heißt jetzt Kalifornien. Da sagte der andere Fischer, mein Ur-Ur-Großvater Friedrich Wilhelm Ehlers: Gut, dann heißt meines eben Brasilien. So einfach war das damals. Als die Häuser drumherum gebaut wurden, blieb der Name erhalten. 

ZEIT ONLINE: Auf einer Skala von 1 bis 10, wie gut kennen Sie sich mit Fußball aus? 

Böhm: Der Ball ist rund, ne? Also, ich würde sagen eine 5, ein bisschen was weiß ich schon. Wenn die WM läuft, bin ich Feuer und Flamme, dann muss ich jedes Spiel sehen, wenn das irgendwie geht. Und ich trink auch mal Bier, was ich sonst nie tue. Also Mädchenbier, ich mach mir dann eben ein Alster. Ich sitze mit meinem Mann vor dem Fernseher, auch mal mit Freunden zusammen, und dann wird das gefeiert. Auch wenn ich die Abseitsregeln bis heute nicht verstanden habe.

ZEIT ONLINE: Ich könnte Sie Ihnen erklären? 

Böhm: Nee, lassen Sie mal, das hat keinen Sinn. Ich lass mir das, wie immer, auch dieses Mal wieder aufs Brot schmieren und tu so, als hätte ich es dieses Mal endlich kapiert. Wenn die WM vorbei ist, interessiert mich Fußball ja ohnehin wieder nicht. 

ZEIT ONLINE: Aber wie der Bundestrainer heißt, das wissen Sie schon?

Böhm: Jaja, so viel weiß ich. Der Name Jogi Löw ist mir durchaus ein Begriff.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten in einem Fischimbiss, in der Fischräucherei Ehlers, die Ihren Eltern gehört. Ein klassisches Familienunternehmen. Haben Sie irgendwas besonderes geplant in den kommenden Wochen?

Böhm: Och, eigentlich nicht. Vielleicht kleben wir uns kleine Flaggen auf die Wangen, wenn die deutsche Mannschaft spielt. Vor vier Jahren, als die WM in Deutschland war, waren wir bei uns im Betrieb alle total "geschlandet", also mit Flaggen, Trikots und so. Alles in Schwarz-Rot-Gelb. Mein Bruder, der auch bei uns arbeitet, wird sicher wieder sein Trikot anziehen. Aber es gibt jetzt keine brasilianischen Cocktails oder so. 

Brasilien an der Ostsee - Die Copacabana hinter Kiel An der holsteinischen Ostseeküste befindet sich in der Gemeinde Schönberg der Ortsteil Brasilien – direkt neben Kalifornien. Traumstrände und Offenheit hinter dem Deich lassen den brasilianischen Geist aufleben.

ZEIT ONLINE: Heute ist das Eröffnungsspiel. Brasilien spielt – das müsste Sie als Brasilianerin ja auch interessieren. 

Böhm: Klar! Ich hab frei heute und habe fest vor, das Spiel anzuschauen. Ob ich das bei allen Spielen schaffe, weiß ich aber nicht. Die sind ja zu so Unzeiten! Ich habe einen fast zweijährigen Sohn und bin dementsprechend oft ganz schon müde. Mal sehen, ich hoffe, das klappt trotzdem. Wir wohnen in einer Siedlung und im Carport des einen Nachbarn werden wir immer mal wieder unser eigenes Public Viewing machen. Mit Bierbänken und Leinwand und so. 

ZEIT ONLINE: Finden Sie es nervig oder toll, dass Ihr Ort wegen der WM auf einmal so gefragt ist? 

Böhm: Nichts von beidem – ich finde es eher überraschend. Es ist ja nicht so, dass wir hier den ganzen Tag herumlaufen und uns bewusst sind, dass unser Ortsname so heißt, wie das Austragungsland der WM. Für uns ist das ja ganz normal. Aber nachdem ZEIT ONLINE über Brasilien berichtet hat, kommen ständig Kamerateams hier vorbei. Jeden Tag sind Journalisten hier. Aber ich freue mich darüber. Wir als Einheimische – als Geschäftsleute ja sowieso – profitieren ja auch davon. Dass da am Strand sowas aufgebaut wird, das gibt es ja sonst nicht hier.