Diese Hymne. "Terra adorada, entre outras mil" singen 60.000 Brasilianer. Vergöttertes Land, zwischen tausend anderen. Und dann, als das Band stoppt, weil es zu einer dieser unsinnigen Fifa-Regeln gehört, dass eine Hymne nach 90 Sekunden zu Ende sein muss, singen die Brasilianer weiter. A capella, die nächste Strophe, sie schreien förmlich, einige schließen die Augen. "Dos filhos deste solo, es mãe gentil, pátria amada, Brasil!" Es geht um die Söhne des Landes und das geliebte Heimatland.

Die eigenmächtig verlängerte Gastgeber-Hymne ist schon jetzt eine der Szenen dieser WM. Was da alles drinsteckt: Ein anarchischer Geist, die Ablehnung stupider Vorschriften, vor allem aber die Liebe zur eigenen Mannschaft, zum eigenen Land. Eine Liebe, die in den vergangenen Wochen infrage gestellt wurde. Wohl zu unrecht. Die Brasilianer kreischten ihre Mannschaft zum 3:1-Sieg über Kroatien. Wenn das eine WM-Stimmung mit angezogener Handbremse gewesen sein soll, dann möchte man lieber nicht wissen, wie die wilde Fahrt aussieht.

Mario hat das nicht überrascht. "Die Stimmung hat sich langsamer entwickelt, als gedacht, aber dass sie kommt, war klar", sagt er. Der 30-Jährige ist der typische brasilianische WM-Stadiongänger: Weiß, Mittelschicht, er war erst einmal zuvor in einem Fußballstadion. Die Karten bekam er, weil er jemanden kannte, der jemanden kannte.

Mario trug im Stadion ein Brasilien-Trikot, Nummer zehn, Neymar Jr. – was sonst. Der Fußball-Nationalheld, zweifacher Torschütze beim ersten Spiel. Eine Freundin hat Mario das Trikot besorgt, er wollte richtig angezogen sein beim Eröffnungsspiel. Mit dem Trikot war Mario einer von den vielen Tausenden, die das Stadion aussehen ließen wie einen riesigen Bienenstock. São Paulo brummte.

In dieser sonst so grauen Stadt kamen schon Stunden vor dem Anpfiff von überall her gelbe Menschen. Sie tanzten und tröteten. Die Kroaten in ihren rot-weiß karierten Hemden wurden begrüßt, die Brasilianer applaudierten jedem einzelnen Fan, klopften ihm auf die Schulter und machten ein Erinnerungsfoto. Den Kroaten, das war klar zu erkennen, war so viel Aufmerksamkeit ein wenig unangenehm.

Mal schnell über das Tor freuen, ja?

Es waren diese Bilder, die gezeigt haben, was eine WM schaffen kann. Dass sie doch so etwas wie ein großes Welt-Ferienlager ist, das nicht einmal die doofe Fifa verderben kann. Man sah Mexikaner mit riesigen Federkränzen, Ecuadorianer mit noch größeren Sonnenhüten, drei Bierbäuche im Deutschland-Trikot und zwei Männer von den "Alkoholisierten Funken", die mit ihren Narrenkappen ebenfalls für die Brasilianer Modell stehen mussten.

Man sah Brasilianer mit einer Frisur wie ein Fußball, einen brasilianischen Elvis, einen brasilianischen Pharao und sambatanzende Pfingstkirchler, die vor dem Stadion Flugblätter mit einer besonderen Wegbeschreibung verteilten: Der einzige Zugang sei der zu Gott.

Woher kommt nun plötzlich wieder diese Euphorie? Die Laola-Wellen im Stadion? Das Feuerwerk in den Wohngebieten rund um das Stadion, das nach jedem Tor gezündet wurde? "Wir können beides", sagt Mario, "unsere Nationalmannschaft anfeuern und trotzdem Veränderungen fordern." Er glaubt nicht, dass die gelbe Euphorie blind macht gegenüber den Problemen des Landes. Selbst wenn Brasilien Weltmeister würde, würde nicht alles bleiben, wie es ist. Dafür sei der Unmut gegenüber der Elite zu groß. Das Motto des Abends: Es läuft vieles schief, wir wissen das und werden was tun. Aber lasst uns doch mal schnell über dieses Tor hier freuen, ja?