Eine Puppe bei Anti-WM-Protesten in São Paulo © Nacho Doce/Reuters

Womöglich kommt Brasilien gerade recht. Womöglich bekommt die Fifa dort gezeigt, dass sie überreizt hat. Dass sie sich nicht auf die Schönheit und Buntheit des Spiels verlassen  kann, die die Menschen betäuben sollen und blind machen für die Mauscheleien im Hintergrund. Die Leute wenden sich ab. Nicht einmal jeder zweite Brasilianer steht der WM positiv gegenüber, sagt eine Umfrage.

In Rio de Janeiro demonstrierten die Brasilianer für Schulen und Krankenhäuser statt WM-Fußball. In São Paulo gab es Scharmützel mit der Polizei. Vor zwei Wochen wurde in derselben Stadt ein Demonstrant zu einer neuen Ikone der Anti-WM-Proteste. Er steckte in einer großen Puppe mit Brasilien-Trikot, auf die ein riesiger Totenschädel geschraubt war. Der stand für die acht Arbeiter, die beim Bau der WM-Stadien ums Leben kamen.

In diese Zeit platzt die neueste Fifa-Meldung: Die Sunday Times berichtete, der ehemalige katarische Spitzenfunktionär Mohamed bin Hammam soll fünf Millionen Dollar an Offizielle gezahlt haben, um sich deren Unterstützung für Katars WM-Bewerbung zu sichern.

Eine gekaufte WM, man kann es nun wohl endlich mit Gewissheit sagen –  das ist der Tiefpunkt in der Glaubwürdigkeitskrise der Fifa. Der Fußball wird immer schneller, schöner, spektakulärer, doch sein oberstes Organ, der Weltfußballverband, wird geführt wie im Mittelalter. Das macht den Fußball langsam kaputt.

DFB und FA sind jetzt gefordert

Überall beschwört die Fifa die demokratische Wirkung des Sports. Der Verband sieht sich selbst als größer und wohl auch wichtiger als die Vereinten Nationen. Doch selbst verscherbeln die Herren des Fußballs eine Weltmeisterschaft einfach an den meistbietenden.

Man muss schon den Hut davor ziehen, wie frech sich das Exekutivkomitee über den technischen Report aus dem eigenen Haus hinweggesetzt hat, der Katar am schlechtesten von allen 2022er Bewerbern bewertet hat. Trotzdem vergaben die honorigen Herren die WM in einen Backofen, in dem Arbeiter wie Sklaven gehalten werden, Homosexuelle mit Peitschenhieben rechnen müssen und in dem Fankultur darin besteht, in marmornen Stadien zu fläzen.

Es würde nicht überraschen, wenn im Fall von Katar noch weitere Summen öffentlich werden. Eine WM für schlappe fünf Millionen Dollar, das wäre ja fast ein Schnäppchen. Wie das Fifa-Exekutivkommiteemitglied Franz Beckenbauer gewählt hat, der, wie er sagte, in Katar noch nie einen Sklaven gesehen hat, ist übrigens noch nicht bekannt.

Die Fifa steckt in der schlimmsten Krise ihrer 110-jährigen Geschichte. Ein weiterer Grund dafür ist der interne Bericht, der vor ein paar Tagen an die Öffentlichkeit kam. In dem steht, dass der afrikanische Schiedsrichter Ibrahim Chaibou im Jahr 2010 mindestens fünf Länderspiele manipulierte. Fifa-Ermittlungen begannen aber erst 2012, als Chaibou in Schiedsrichter-Pension ging. Bestraft wurde er nie.

Vor allem die großen europäischen Verbände sind jetzt gefordert, der DFB, die FA aus England. In einer Woche beginnt der Fifa-Kongress. Er findet übrigens in São Paulo statt, der Stadt mit dem Totenschädel. Eine gute Gelegenheit, endlich eine Neuwahl der WM 2022 zu beschließen. Oder eine Abwahl Blatters, der gerade im Verdacht steht, das Katar-Debakel allein Michel Platini, Katar-Freund und sein großer Konkurrent um den Chefposten, in die Schuhe schieben zu wollen. So einfach darf Blatter nicht davonkommen.

Wenn man schon einmal dabei ist, könnte man gleich über die WM-Vergabe nach Russland reden. Auch die Russen kamen im technischen Report von allen Bewerbern für 2018 am schlechtesten weg und bekamen dennoch den Zuschlag. Diese Entscheidung ging im ganzen Katar-Rummel ein wenig unter. Vor einem Jahr verweigerte Russland Michael Garcia die Einreise. Das ist der Fifa-Sonderermittler, der auch die Vergabe nach Russland untersuchen soll.

Sepp Blatter hat seine WM-Eröffnungsrede in Brasilien übrigens schon abgesagt, weil sie vor lauter Pfiffen sowieso niemand verstehen würde. Selbst bei der Abfahrt des brasilianischen Mannschaftsbusses ins Trainingscamp protestierten Menschen. Es gibt Demonstranten, die sich zum Ziel gesetzt haben, wenigstens ein WM-Spiel zu verhindern, komme was wolle. Das gab es noch nie.

Der Widerstand des wohl fußballverrücktesten Volkes der Welt könnte der Schuss sein, den die Fifa so lange einfach nicht gehört hat.