Es läuft die 53. Minute des WM-Spiels Deutschland gegen Ghana. Ein Zuschauer rennt auf den Rasen, auf seinen nackten Oberkörper sind seine Telefonnummer und E-Mail-Adresse gemalt, zwei der Buchstaben ähneln den SS-Runen. "Überhaupt nicht Nazi", wird der polnische Mann anschließend auf seinem Facebook-Profil dementieren, es habe sich vielmehr um zwei "4"-Ziffern gehandelt. Nach brasilianischen Medienberichten wollte er lediglich Aufmerksamkeit erregen und Geld für weitere WM-Tickets und seine Rückreise sammeln.

Möglicherweise wollte er das tatsächlich. Zur gleichen Zeit waren in den sozialen Netzwerken offener Rassismus und deutschtümelnde Kommentare zu beobachten. "Alter, gegen eine Mannschaft verlieren wo sich niemand ein Ball leisten kann", schreibt ein User zum zwischenzeitlichen Rückstand der deutschen Mannschaft. Das sollte lustig sein, weil Ghana arm ist. Das kolonialrassistische Klischee teilen 53 andere Benutzer, 221 weitere favorisieren es.

Vielfach liest man den Begriff "Bimbo" oder Sklaverei-Anspielungen, noch öfter vermuten Nutzer, dass die Deutschen wegen ihrer dunkelhäutigen Gegenspieler bald "schwarz sehen" würden. Den Gipfel erreicht ein einzelner Tweet:

© Screenshot lichterkarussel.net

Seine Verfasserin bekommt Beleidigungen und Morddrohungen, sie entschuldigt sich später bei Facebook für ihre "unbedachte Äußerung". Der Fankulturforscher Gunter A. Pilz, der beim DFB die Arbeitsgruppe Fair Play leitet, sieht in solchen Entgleisungen noch keine problematische Tendenz, wobei jede einzelne aber "eine zu viel" sei.

Pilz warnt davor, übergriffige Äußerungen unreflektiert stehen zu lassen. "Wir müssen wachsam sein und überlegen, wie unsere Begeisterung für Fußball und die deutsche Nationalmannschaft keine Bühne für Nationalismus oder Rassismus darstellt", sagt er im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Der deutsche "Party-Patriotismus" sei nicht per se gefährlich, laufe aber Gefahr, instrumentalisiert zu werden. Jeder müsse sich deshalb gewahr sein, dass andere Gesinnungen dankbar und unauffällig an den Patriotismus der Massen andocken.

Selbstverständlich ist nicht allen Fans, die eine deutsche Fahne schwenken oder sich parteiisch mitteilen, Nationalismus zu unterstellen. Die Wissenschaft vermutet bei vielen einen Mitläufer-Effekt: Sie sehen und genießen den Turnierwirbel um sich herum. Wenn eine deutsche Mannschaft überdies noch erfolgreich ist, will man eben dabei sein.

Diese Prozesse befeuert bisweilen auch die Werbewirtschaft, exemplarisch ist eine ältere Werbung des Autovermieters "Sixt". Unter dem Slogan "Ghana – Das könnte eng werden" stehen sich ein moderner Mercedes und ein übervoller, verschmutzter Truck gegenüber. Die Botschaft? Der geordnete, saubere, technisch überlegene Deutsche trifft auf den Barbaren, bei dem es eng wird auf der Ladefläche. "Ein hochpeinlicher Ausrutscher", sagt Pilz.