Kein Fußballfan gibt es gerne zu, aber das Ende der Vorrunde ist ein Segen. Selbst den härtesten Sofabundestrainern geht nach 48 Spielen in zwei Wochen die Puste aus, wenn die Hälfte der letzten Gruppenspiele sich nur noch um die Goldene Ananas dreht, sich Ecuador und Frankreich gegenseitig auf die Socken treten.

Durchschnaufen ist noch aus einem zweiten Grund angebracht. Diese Weltmeisterschaft ist ein Spektakel. Seit 1970 fielen nicht mehr so viele Tore, 136 waren es nach der Vorrunde. War die WM in Südafrika noch eine mit der niedrigsten Torquote aller Zeiten, hagelt es in Brasilien Buden rechts wie links. Die WM in Brasilien ist damit das Gegenteil der ereignisarmen Europameisterschaft vor zwei Jahren. Dort zeigte sich der Fußball in seiner biedersten Sorte, in Brasilien dagegen wird in diesen Tagen die Fußball-Anarchie gelebt.

Schwache und doch starke Europäer

Wie unberechenbar dieses Turnier ist, zeigt sich schon in der ersten Erkenntnis der Vorrunde: Die Europäer haben ihre liebe Mühe. Kaum ist der Schweiß des letzten Gruppenspiels getrocknet, geht wieder dieser Fluch um: Noch nie konnte eine europäische Mannschaft auf dem amerikanischen Kontinent Weltmeister werden.

In Brasilien gerät die europäische Fußballhegemonie abermals ins Wanken, wenn man der Statistik glauben mag. Wie bereits 2010 in Südafrika, konnten sich nur sechs von 13 europäischen Mannschaften für das Achtelfinale qualifizieren. Bei den Turnieren 2006 und 2002 waren es noch jeweils drei mehr.

Dieses Jahr sind Spaniens Tiki-Taka-Könige entthront, die Taktik-Prinzen aus Italien können ebenfalls keine Ansprüche auf den Titel mehr stellen. Die ewig überschätzten Engländer – ausgeschieden mit nur einem Punkt. Über die mangelnde Spielstärke seiner Portugiesen mokierte sich sogar Cristiano Ronaldo persönlich, und Teams wie Kroatien, Russland, und Bosnien-Herzegowina war ohnehin nicht der ganz große Coup zuzutrauen.

Ein Abgesang auf die Europäer läge auf der Hand, wenn da nicht die zweite Erkenntnis wäre: Mit den Europäern ist zu rechnen. Klingt paradox, ist aber so. Denn Deutschland, Frankreich und die Niederlande präsentieren sich in Brasilien bis auf kleinere Aussetzer in durchaus guter Verfassung: Arjen Robben rennt und trifft, als wolle er die Schmach des Finales von 2010 möglichst schnell vergessen machen. Die Deutschen zeigen derweil so viele unterschiedliche Gesichter, dass vom blamablen Ausscheiden gegen Algerien im Achtelfinale bis zum WM-Titel noch alles drin ist. 

Fast gespenstisch ruhig ist es um die Franzosen. Deren Regierung überlegt bestimmt schon, die ersten Fremdenlegionäre ins Quartier nach Ribeirão Preto zu senden, um nach dem Rechten zu sehen. Und der Geheimfavorit Belgien, der seine Gruppenspiele fast ausschließlich durch Jokertore gewann, spielt so geheim, dass ihn inzwischen weniger Buchmacher auf der Rechnung haben als vor dem Turnier.

Die Underdogs aus Amerika beißen

Weitaus weniger paradox ist die dritte Erkenntnis dieser Vorrunde: Die Südamerikaner sind wie schon in Südafrika stark, einzig Ecuador erreichte das Achtelfinale nicht. Überraschend ist dagegen, dass diese Stärke nicht unbedingt an Gastgeber Brasilien und dessen Erzrivalen Argentinien liegt. Neymar und Messi duellieren sich zwar mit einem gewissen Thomas Müller um die Torjägerkanone, beide Teams stehen als Gruppensieger im Achtelfinale. Doch wie Brasiliens Remis gegen Mexiko und das peinliche 1:0 Argentiniens gegen den Iran zeigten, sind beide von ihren Superstars abhängig – und durchaus anfällig in der Defensive.

Ganz anders etwa Kolumbien: Auch ohne ihren verletzten Topstürmer Falcao holten sie neun Punkte in drei Spielen und zeigten dabei eine der besten Leistungen der Vorrunde. Flügelspieler Juan Cuadrado vom AC Florenz soll bereits Begehrlichkeiten des FC Barcelona geweckt haben. Chile spielte vor allem in den ersten beiden Spielen, vor allem gegen Spanien, unberechenbar und effektiv, und selbst wenn Uruguay sich letztlich ins Achtelfinale mehr rüpelte denn spielte, sind sie an guten Tagen nur schwer zu schlagen.

Das gilt auch für zwei Überraschungsmannschaften aus Zentralamerika, die zur vierten Erkenntnis führen: Die Underdogs beißen wie lange nicht mehr. Mexiko, das sich erst in den Playoffs gegen Neuseeland qualifizierte, ließ in drei Spielen nur ein Gegentor zu und glänzte mit tollem Fußball. Die El Tri, ein neuer Geheimfavorit?

Genauso wie Costa Rica. Welch Sensation. Dass sich Costa Rica ausgerechnet in der Weltmeistergruppe gegen England, Italien und Uruguay als Gruppensieger durchsetzt, hat so manche Tipprunden-Träume zerstört. Gegen Griechenland im Achtelfinale muss noch nicht Schluss sein für die Ticos. Ein Stürmer wie Joel Campbell hat das Zeug, den in die Jahre gekommenen Griechen das Leben schwer zu machen.