Es muss Anfang Mai gewesen sein, als der Fifa-Präsident Sepp Blatter in seinem Büro in Zürich das Faxgerät auf seinem Mahagoni-Sideboard mit einem streng geheimen Memo füttert: "An die Teams der WM-Todesgruppe D: Um die größtmöglichen Werbeeinnahmen zu garantieren, ist ein Weiterkommen von Italien und England unabkömmlich. Zur Not auch Uruguay, wenn es sein muss und Luis Suárez, die coole Socke, fit ist. Sorry Costa Rica, dieses Mal hat die Fifa leider keine Rose für dich. Aber dabei sein ist alles! Servus, Sepp."

Wenig später erwacht in den Räumen des costa-ricanischen Fußballverbandes in San José das Fax zum Leben. Pieeeeep pieeeeep, chrrrrrr chrrrrrrr piepst und knattert es vor sich hin. Seit Jahren hatte keiner der Mitarbeiter dieses Geräusch mehr gehört, hier läuft alles längst via E-Mail. An diesem frühen Morgen ist lediglich die Putzkraft vor Ort, die das seltsam fauchende Gerät kurz interessiert beobachtet, und das ausgespuckte Blatt Papier schließlich fachgerecht entsorgt.

Costa Rica hat das Memo an die Todesgruppe D nie bekommen. Anders lässt sich die Leistung der Zentralamerikaner nicht erklären, die zuerst Uruguay mit 3:1 vom Platz fegten und nun im zweiten Gruppenspiel Italien mit 1:0 bezwangen. Costa Rica steht somit vorzeitig im Achtelfinale, zum zweiten Mal überhaupt nach 1990. Nur dass diesmal die Gegner nicht Schottland und Schweden, sondern eben Uruguay, England und Italien hießen. Drei Ex-Weltmeister auf einen Streich in der Gruppe, das wird im Funktionärsjargon gerne "anspruchsvoll" genannt.

Nun galt das Spiel gegen Uruguay als eine dieser Kuriositäten, die so eine WM eben mit sich bringt. Die Südamerikaner hatten Costa Rica vielleicht etwas unterschätzt, und Los Ticos, wie diese sich nennen, hatten einfach einen guten Tag. Gut, okay, dass sie, die Betonmischexperten aus Costa Rica, ausgerechnet drei Tore schießen würden, damit hatte niemand gerechnet. Aber hey, passiert, Italien würde die aufmüpfigen Zentralamerikaner schon in die Schranken weisen. Oder nicht?

Rache ist Ruiz

Im Mittelpunkt stehen in diesem Spiel die beiden Panini-Fans Joel Campbell und Mario Balotelli. Campbell hat bereits im April auf Twitter seine Sammelbild-Erfahrungen geteilt: Dutzende Päckchen hatte er geöffnet und kein einziges Mal war sein Bild dabei – was für ein Drama! Ganz anders Mario Balotelli: Der Stürmer von AC Milan hat die gesamte italienische Mannschaft zusammen – sie besteht einzig aus seinem eigenen Konterfei.

In der ersten Halbzeit ist es ebenfalls Balotellis Hahnenkamm, der herausragt. Costa Rica stellt sich defensiv, Italien verlässt sich auf die Pässe von Andrea Pirlo, der gewohnt betulich über den Platz schleicht und immer wieder den langen Pass auf Balotelli sucht. Das hat ein ums andere Mal auch geklappt, etwa als Balotelli nach einer knappen halben Stunde alleine vor Torwart Navas auftaucht und den Ball am Tor vorbeilupft.

Doch Costa Rica hat nicht nur eine nahezu perfekte Abseitsfalle mit im Gepäck, sondern nach dem ersten Gruppenspiel offenbar Gefallen am Tore schießen gefunden. Immer wieder kontern sie überraschend schnell und erspielen sich somit ein Chancenplus. In der 43. Minute dann das vorläufige Highlight: Campbell wuselt sich durch zwei Spieler im italienischen Strafraum, wird dabei von Chiellini gelegt – kein Elfmeter, entscheidet der chilenische Schiedsrichter, der die gelben Karten offenbar ohnehin erst in der Halbzeitpause einsteckte.

Plötzlich sind sie ganz schön sauer, die Ticos, diese friedfertigen Gesellen, die der ARD-Kommentator Tom Bartels schon während der Hymne in den Himmel floskelte, als seien sie bei dieser WM nur dabei, um gut auszusehen und ein bisschen Spaß zu haben.

Dass sie aber auch richtig gut kicken können, zeigen sie nur zwei Minuten später: Junior Diaz, der in der Bundesliga gerne mal durch den eigenen Strafraum kreiselt wie ein Engländer nach fünf Pints in der Mittagssonne, flankt in die Mitte auf Bryan Ruiz, der über Torwart Buffon ins Tor köpft – 1:0 Costa Rica, Halbzeitpfiff!

Noch im Kabinengang maulen die Italiener die Männer aus Zentralamerika an: "Sagt mal, habt ihr etwa nicht Sepps Memo bekommen?"

Kein Küsschen für Balotelli

In der zweiten Halbzeit setzt Italiens Coach Prandelli auf die volle Offensive, doch gegen die sehr gut stehenden Costa Ricaner kommen selbst die eingewechselten Offensivkräfte Cassano und Insigne kaum ins Spiel. Yeltsin Tejeda, dessen Vorname noch einmal genauerer Recherche bedarf, wirft sich in Ball und Gegner, und Celso Borges vom schwedischen Verein AIK Solna sorgt im Mittelfeld für Entlastung. Die Italiener, die großen Ergebnisverwalter und Taktik-Füchse, tun sich schwer und laufen dem Rückstand hinter her.

Und Balotelli? Der sieht nach 67 Minuten die gelbe Karte nach einer Unsportlichkeit – seine auffälligste Aktion in der zweiten Hälfte. Offenbar liegt ihm doch nichts daran, die britische Queen zu küssen. Das hatte er noch vor dem Spiel auf Twitter geschrieben, denn mit einem Sieg Italiens hätte für England noch die rechnerische Chance des Weiterkommens bestanden.

Das ist nun nicht mehr möglich. Costa Rica steht im Achtelfinale und England ist definitiv ausgeschieden. Italien spielt nun gegen Uruguay im letzten Gruppenspiel um das Weiterkommen. "Die Todesgruppe ist wie ein Hollywood-Blockbuster, in dem am Ende noch der schwarze Schauspieler lebt", schreibt der Lyriker und Journalist Musa Okwonga.

Costa Ricas Star Joel Campbell muss jedenfalls nicht mehr nach seinen Panini-Bildchen suchen. Ab morgen kann er sein Antlitz einfach aus den Titelseiten der Sportgazetten ausschneiden.

Und Sepp Blatter? Der sollte sich endlich mal das mit der E-Mail erklären lassen, damit solche unerhörten Favoritenstürze nicht mehr passieren.