Aus Joachim Löws leeren, müden Augen sprach Apathie, damals in Warschau. Ob er in diesem Moment nach der Niederlage im EM-Halbfinale ahnte, dass sie ihn noch lange verfolgen sollte? Noch nach zwei Jahren ist dieses 1:2 gegen Italien ein Thema für die Nationalmannschaft und ihren Trainer, auch wenn in Santo André in diesen Tagen nicht darüber geredet wird.

Dieses Spiel war mehr als ein Spiel, mehr als eine knappe Niederlage. Es war die Niederlage, die Löws Gegner bestätigte und aus Befürwortern Zweifler machte. Löw hatte die falsche Aufstellung gewählt, und die falsche Aufstellung zu spät korrigiert. Das unterläuft auch guten Trainern. Aber weil der Fehler in den Augen seiner Kritiker ein typischer Löw-Fehler war, ist diese Niederlage bis heute seine große Hypothek.

Löw wurde immer geschätzt für seine ästhetische Spielidee und seine Verdienste für den deutschen Fußball. Er ist Teil der Reform, die mit Jürgen Klinsmann vor zehn Jahren begann. Der Mannschaft wurden Fitnesstrainer und ein Psychologe zur Seite gestellt. Spiele und Turniere wurden analytischer vorbereitet. Das Spiel der Deutschen wurde besser, taktischer, klüger, schöner. Aber nicht entscheidend erfolgreicher.

Und nicht nur das. Alle drei Turniere unter Löws Alleinregie endeten nicht nur mit Niederlagen, sie endeten mit tiefen Ernüchterungen.

Fußball-WM - Alles gut bei der Deutschen Nationalmannschaft? ZEIT-ONLINE-Reporter Oliver Fritsch fragt sich im Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft, ob nach Verletzungen und Formschwächen in der Vergangenheit alles rund läuft.

Die WM in Brasilien könnte die letzte Chance für Löw werden, das zu ändern. Die letzte Chance zu beweisen, dass er nicht nur ein guter Fußballlehrer ist, sondern ein großer Trainer. Dazu muss er endlich seine zwei Schwächen überwinden: Er muss in Krisen das Richtige tun und die geheimen Kräfte seines Kaders freisetzen.

Löw hat seine Schätze nicht erkannt

Das gelang ihm vor zwei Jahren in Warschau beides nicht. Als Italien die Lücken im deutschen Team erkannte und nutzte, tat Löw lange nichts. Erst sah er zu, dann wütete er. Eine Hilfe war er dem Team in der Krise nicht. Die Spieler hätten sich in dieser schweren Situation von ihrem Trainer alleingelassen gefühlt, sagt einer aus dem Umfeld der Mannschaft.

Seinen Spielmacher Mesut Özil verschenkte er auf dem Flügel, Thomas Müller saß auf der Bank. Statt Marco Reus und Ilkay Gündogan spielten Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger, obwohl jeder wusste, dass der eine nicht in Form war, der andere angeschlagen. Reus und Gündogan sollten übrigens kein Jahr später im Champions-League-Finale stehen. Löw erkannte nicht, welche Schätze er hatte.

Die Voraussetzungen in Brasilien haben sich für Löw nicht verschlechtert. Er hat noch immer viele Schätze. Trotz vieler Ausfälle und Verletzungen steht ihm der beste deutsche Kader seit Langem zur Verfügung. 18 von 23 Spielern haben schon in der Champions League gespielt, mehr als die Hälfte von denen gar schon in einem Endspiel oder mehreren gestanden.

Wird Löw auch die Schwächen seiner Spieler sehen?

Doch hat Löw nicht nur die besseren Spieler als sein Gegner, Italiens Trainer Prandelli, sondern auch den besseren Plan? Wird Löw mehr rausholen aus seinem Kader, hebt er seine Schätze? Wird er seinen besten Spieler, Philipp Lahm, ins Zentrum des Spiels stellen, wie Pep Guardiola das erfolgreich vormacht? Bringt er die Hochtalentierten Toni Kroos und Mario Götze dazu, konstant am höchsten Level zu spielen? Das Zeug zur Weltklasse haben beide. Erkennt er, welch Juwel Julian Draxler ist? Auch wenn der keine gute Saison spielte, hat er die Anlagen, Marco Reus zu ersetzen.

Sieht der Trainer auf der anderen Seite ein, wenn Sami Khedira wegen seiner langen Pause nicht der Führungsspieler sein kann, den Löw in ihm sehen will? Reagiert Löw, wenn Schweinsteiger gegen starke Gegner wieder zu oft den Ball zurückpasst oder verliert? Wird Löw Mats Hummels maßregeln, wenn der erneut zu leichten Fehlern neigt, weil er mehr als ein Verteidiger sein will?

Aus Löws Verhalten in diesen Tagen lässt sich wenig schließen. Er wirkt angestrengter als früher, introvertierter, rätselhafter. Im Training steht er manchmal entfernt vom Geschehen. Als die Mannschaft Besuch von einem indigenen Volk bekam, zog er sich in die zweite Reihe zurück. In Gesprächen mit der Presse wahrt er zwar die Form, wirkt aber manchmal missmutig. Neulich sagte er gereizt, er könne nichts damit anfangen, dass von ihm der Titel erwartet werde.

Dabei geht es vielen Kritikern nicht nur um Titel. Sie machen sich Gedanken um die Kaderauswahl. Löw hat nur einen Stürmer mitgenommen. Das wirkt ein wenig selbstverliebt, weil die mutmaßlichen Gesetze des Fußballs ignorierend, wie die Aufstellung gegen Italien übrigens auch. Als wollte er einen Plan durchziehen, komme was wolle.

Das alles muss nichts Schlechtes heißen. Dickköpfigkeit oder schlechte Laune machen noch keinen schlechten Trainer. Vielleicht fühlt sich Löw von der Kritik angespornt, es allen zu zeigen. Vor der EM 2012 war ja noch die Frage: Kann der DFB diesen begehrten Trainer überhaupt halten? Heute heißt es: Ist es überhaupt denkbar, dass Löw nach der WM noch Bundestrainer sein wird? Vielleicht ja und gar nicht mal so unwahrscheinlich, weil er nach einer langen erfolgreichen Ära als Weltmeister zurücktritt.