Jürgen KlinsmannDas Treffen mit dem alten Freund

Mit Klinsmann hat die deutsche Mannschaft keinen Titel gewonnen. Seine Verdienste sind aber unbestritten. Gegen die USA könnte sich zeigen, was der DFB an ihm verlor. von 

Jürgen Klinsmann: Das Treffen mit dem alten Freund

US-Trainer Jürgen Klinsmann  |  © Kevin C. Cox/Getty Images

Es sei nicht die Zeit für Freundschaftsanrufe, sagte Jürgen Klinsmann diese Woche. "Jetzt geht es ums Business." Eine echte Klinsmann-Vokabel. Sie beschreibt die Entschlossenheit des USA-Trainers vor dem entscheidenden Spiel gegen die Deutschen. Sie weckt aber auch die Erinnerung an eine der aufregendsten Epochen der deutschen Fußballgeschichte.

Klinsmanns Erfolg als Projektmanager des Sommermärchens ist Konsens unter Historikern. Die Zeit vor der WM 2006 ist vielen nicht mehr gegenwärtig. Damals erreichte die Skepsis gegen den damaligen Bundestrainer ihren Höhepunkt. Klinsmann war verschrien als Unternehmensberater, als "Grinsi-Klinsi" aus dem Ami-Land, wie Bild schrieb. Nach der 1:4-Niederlage in einem Testspiel in Italien sollte Klinsmann sogar sein Konzept für die Weltmeisterschaft im Bundestag erklären.

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Es kam ganz anders. Der überraschende Erfolg bei der WM in Deutschland sicherte Klinsmann den Platz im Pantheon des deutschen Fußballs. Wenn die Nationalelf am Donnerstag in Recife auf die USA trifft, begegnet sie jemandem, der den deutschen Fußball bis heute prägt. Der einer der bedeutendsten Trainer des DFB wurde, obwohl er nur zwei Jahre im Amt war und nie ein Finale erreichte. Der aber auch als einer gilt, den man inzwischen ersetzt hat. Klinsmann ist ein alter Freund, den man gerne grüßt, den aber auch niemand vermisst.

Klinsmanns Erfolg ist sein Nachlass: die Reform der Strukturen und der Durchbruch Deutschlands in die Fußballmoderne. Wofür wurde er nicht alles belächelt und angefeindet. Fitnesstrainer aus Amerika, ein Scout aus der Schweiz, ein Psychologe, Teambuilding, Leistungstests, Gummibänder.

Klinsmann hat vieles angestoßen, was heute selbstverständlich ist

Heute ist das Standard im deutschen Fußball. Nicht nur beim DFB, auch in vielen Vereinen. Leute aus der Bundesliga, auch damalige Gegner, bestätigen das. Der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ließ sich von der Süddeutschen Zeitung zitieren: "Jürgen Klinsmann hat Dinge angestoßen, die heute selbstverständlich sind." Man müsse sich nur auf dem Trainingsplatz in Santo André umschauen.

Auch ein Großteil des aktuellen Personals hat Klinsmann geholt: den Manager Oliver Bierhoff, die Fitnesstrainer um Mark Verstegen, den Psychologen Hans-Dieter Hermann, den Scout Urs Siegenthaler. Und ohne Klinsmann wäre Joachim Löw, seine Entdeckung als Co-Trainer, nicht Nationaltrainer.

Per Mertesacker ist ein guter Zeitzeuge. Als er vorige Woche auf der Pressekonferenz gefragt wurde, wie viel Klinsmann noch in der Nationalelf stecke, sagte er: "Wir profitieren noch von ihm." Er habe frischen Wind in die Nationalelf gebracht. Ohne Klinsmann würde man vermutlich jungen Spielern weniger vertrauen als das heute in der Bundesliga der Fall sei. Mertesacker ist ein reflektierter Profi, sein Lob zählt was. Er ist aber auch der einzige in der aktuellen Mannschaft, der unter Klinsmann debütierte.

Beim FC Bayern hat es nicht funktioniert

Andere Spieler klingen nüchterner. "Wir spielen gegen die USA, nicht gegen Jürgen Klinsmann", sagte Thomas Müller und ließ sich zu keinem Lob für Klinsmann hinreißen. Auch Philipp Lahm äußerte sich distanziert. Müller und Lahm kennen Klinsmann auch als Trainer bei den Bayern, wo Klinsmann 2009 nach nur neun Monaten scheiterte. Klinsmann wollte den Verein auf ein anderes Niveau heben, doch das taten erst seine Nachfolger. Müller, den späteren WM-Torschützenkönig, wollte er sogar nach Hoffenheim ziehen lassen. Spötter sagen, Klinsmann hob die Bayern auf ein anderes Niveau, allerdings nach unten.

Leserkommentare
  1. der ARD und ZDF Klinsmann und seine US Mannschaft ansprechen, wird stets erwähnt über welches "Spirit" das Team verfügt. Nervt total.

  2. Egal, wo man hinguckt:

    Nicht die Spur von gesundem Optimismus. Nur Kritik um der Kritik willen, man zieht ein Spiel von vor 32(!) Jahren heran, um wilde Weltuntergangsszenarien zu entwerfen, schwadroniert von der "Rache der Algerier". Lahm soll auf einmal unfähig sein, im Mittelfeld zu spielen (ungeachtet der triefigen Elogen, die auch auf ZO geschwurbelt wurden, als er von Guardiola beim FC Bayern dorthin "versetzt" wurde). Und so weiter und so fort.

    Nicht missverstehen, ich beschwere mich über ZO genauso wie über die Konkurrenz.

    Was dabei dann gern übersehen wird: Die USA spielen einen technisch und taktisch sehr limitierten Fußball. Ghana hat nur durch Pech verloren. Und Portugal mit den ganzen Verletzten hat sich auch besser dargestellt, als es das Ergebnis ausdrückt. Ist es die deutsche Lust am Schwarzmalen? Tut Optimismus körperlich weh?

    Sollte ich jemals ein Buch über das moderne Deutschland schreiben, gebei ich ihm den Titel "Ja, aber...!"

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    ...müsste man noch mal gründlich nachdenken!

    auf meine Kommentare, dann finden Sie Opitimismus genug. Ich seh das alles genauso. Und jetzt wird auch noch Klinsmann zur mythischen Gestalt verklärt. So ein Quatsch.

    Die Entwicklung der deutschen Mannschaft hängt damit zusammen, dass die Vereine umgedacht haben, beginnend schon vor der Klinsmann Ära, und inzwischen viel mehr gute deutsche Spieler unterwegs sind. Mit Spielern wie Müller, Özil, Khedira, Kroos, Lahm, Schweinsteiger, Reus, Götze kommt automatisch auch der gute Fußball, das hat mit dem gerade aktuellen Trainer gar nicht so viel zu tun. Und mit Sicherheit nicht mit den Klinsmannschen Gummibändern und dem sonstige Krimskram.

    Redaktion

    Ich finde das nicht schlüssig, was Sie schreiben. Einerseits sollen wir zu pessimistisch sein, andererseits zu triefig. Sie müssten sich schon für einen Vorwurf entscheiden.

    Zu Lahm auf der 6: Bei Bayern klappt es sehr gut. Bei der N11 noch nicht so ganz (obwohl ich ihn nicht so schlecht finde, wie er gemacht wird). Dennoch könnte man fragen: Warum ist das so?

  3. ...müsste man noch mal gründlich nachdenken!

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  4. Warten wir mal das Spiel ab; vielleicht sind wir danach ganz froh, dass er inzwischen in USA und nicht mehr bei uns als Trainer tätig ist :-)

    Ich persönlich glaube schon, dass Klinsmann ein sehr guter Motivator ist - aber das wirkt nur eine Zeit lang, insbesondere solange man mit jungen, unerfahrenen Spielern umgeht, die sich an den Erfolgen berauschen und "im Kommen" sind.
    Um aber gestandene, langjährig erfolgreiche Profis auf Dauer zu Höchstleistungen zu motivieren, hilft nur Autorität durch Kompetenzvorsprung, und öfter mal eine geniale Idee für Taktik, oder Aufstellung, die auch zündet.
    Oder glaubt jemand ernsthaft, dass man Leute wie Robben, Ribery, Boateng, Schweinsteiger, Ronaldo usw. anstacheln kann, wenn man sie beim Aufwärmen anschreit oder lobt?

    Deswegen hat ja Klinsi gerne immer die starken Persönlichkeiten rausgeschmissen ...

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    Das ist doch nun wirklich Quatsch. Klinsmann hat Ballack ja erst zum Kapitän gemacht und ich glaube es ist einfacher "starke" Persönlichkeiten einfach machen zu lassen als sie rauszuwerfen. Klinsmann scheut den Konflikt nicht und das gefällt diesen arroganten und verwöhnten "starken" Spielern natürlich nicht. Deshalb haben sie ihn rausgeekelt, wenn sie von solchen Machtmenschen wie Hoeneß auch noch unterstützt werden.

  5. ging hier der Griff in die Formulierungsschublade:
    Erfolg...ist Konsens unter Historikern
    Der überraschende Erfolg...sicherte Klinsmann den Platz im Pantheon des deutschen Fußballs

    Ist das nicht ein bissi dick aufgetragen?

    Aber darüber will ich sicher nicht streiten- was bei allem Klinsi & Jogi gerne vergessen wird:
    Die beiden haben auch davon profitiert das im Gegensatz zu "Rumpelfußballszeiten" plötzlich eine grössere Zahl technisch gut ausgebildete Fußballer z.V. standen.
    Und dafür ursächlich verantwortlich waren weder der Klinsi noch der Jogi- sondern der immer (auch von mir) etwas belächelte ex Bundestrainer "Terrier" Vogts der die technische Schulung im DFB in den 1990ern umgekrempelt hat. Die nachfolgenden Trainer ernteten hier was er damals säte.

    Dafür könnte man dem Berti wirklich mal ein Kränzlein winden- vielleicht ist das auch ein Grund warum ihn der Klinsi ins Ami Boot geholt hat....

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    Redaktion
  6. auf meine Kommentare, dann finden Sie Opitimismus genug. Ich seh das alles genauso. Und jetzt wird auch noch Klinsmann zur mythischen Gestalt verklärt. So ein Quatsch.

    Die Entwicklung der deutschen Mannschaft hängt damit zusammen, dass die Vereine umgedacht haben, beginnend schon vor der Klinsmann Ära, und inzwischen viel mehr gute deutsche Spieler unterwegs sind. Mit Spielern wie Müller, Özil, Khedira, Kroos, Lahm, Schweinsteiger, Reus, Götze kommt automatisch auch der gute Fußball, das hat mit dem gerade aktuellen Trainer gar nicht so viel zu tun. Und mit Sicherheit nicht mit den Klinsmannschen Gummibändern und dem sonstige Krimskram.

  7. Wenn Klinsi wirklich ein Unentschieden mit dieser US Mannschaft gegen die Deutsche elf schafft, dann ist er wohl ein sehr viel besserer Trainer als Löw.

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  • Schlagworte Jürgen Klinsmann | USA | Joachim Löw | Oliver Bierhoff | Brasilien | DFB
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