Wo kann man am besten Fußball schauen in Bogotá? Das klingt nach einer simplen Frage, aber die Antwort fällt gar nicht so leicht. Zwar flimmert die WM über wirklich jeden Bildschirm der Stadt – aber ich will heute die beste, tollste, größte Party Kolumbiens erleben. Darunter tu ich’s nicht.

Ich bin nämlich traumatisiert. Vergangenen Samstag, als meine Kolumbianer die Griechen mit einem furiosen 3:0 besiegten und das ganze Land sich danach feiernd und tanzend in den Armen lag, war ich verhindert. Statt das Spiel zu sehen, saß ich beim Mittagessen. Omar Sánchez hatte eingeladen, der Bischof von Tibú, und es wäre sehr unhöflich gewesen, die Einladung Ihrer Gnaden auszuschlagen. Tibú liegt im Department Norte de Santander, fast schon in Venezuela. Die Gegend ist besonders hart vom Bürgerkrieg getroffen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist aus ihren Dörfern vertrieben worden, Zehntausende wurden ermordet, Tausende sind verschwunden.

Darüber sprach der Bischof, während wir Zicklein speisten, eine lokale Spezialität. Ich räume ein: Es gibt im Leben wichtigere Dinge als Fußball, und vermutlich gehört die Menschenrechtslage im Norte de Santander dazu. Nur: Ich konnte sehen, wie auch Seine Gnaden litt. Auch er wollte viel lieber das Spiel sehen. Sehnsüchtig horchten wir beide auf jeden Laut, der von der Straße zu uns hereindrang. War das etwa ein Torjubel?

Irgendwann, das bekamen wir mit, stand es drei zu null, und wenig später begann draußen die Party. Das Spiel war vorbei, die Bässe dröhnten, die Leute feierten. Monsignore sprach immer noch. Ich rutschte unruhig hin und her.

Fußball-Open-Air im Park

"Wäre ich Präsident, ich würde überall Fußballplätze bauen und Tanzböden. Dann würden die Kolumbianer miteinander spielen und feiern, statt sich zu bekriegen", schloss Omar Sánchez irgendwann. Er sprach einen Toast auf den Sieg seiner Mannschaft aus und strahlte erleichtert. Dann mussten wir zum Flughafen, und als ich wieder in Bogotá landete, war die Party vorbei.

Das soll mir nicht noch mal passieren. Ich frage alle Kollegen und Freunde, die ich kriegen kann: Wo steigt in Bogotá das tollste Fußballfest? Es gibt immer nur eine Antwort: Im Parque de la 93, im Norden der Stadt. Auf also zum Open-Air-Fußballschauen im Park! Doch da bleibt nicht mehr viel Zeit. Eine halbe Stunde vor Spielbeginn stehe ich im Zentrum auf der Straße, zwischen Justizpalast und Plaza Bolívar, und winke Taxen heran, so nachdrücklich wie es mir nur möglich ist. Eine hält tatsächlich, ich springe rein, aber als der Fahrer hört, wohin ich möchte, schüttelt er nur lachend mit dem Kopf. "Tut mir leid, Señora, dorthin schaffe ich es nicht mehr."

Vielleicht sollte ich besser hier bleiben? Auf der Plaza Bolívar läuft schon die Vorberichterstattung auf einer riesigen Leinwand. Aber die Szene ist ziemlich trist. Im Nieselregen stehen vielleicht hundert Leute davor, die Regenschirme aufgespannt, neben ihnen pickt eine ungleich größere Anzahl von Tauben im Staub.