Im Reisebüro um die Ecke in Bogotá sitzen aufgeregte Angestellte im Nationaltrikot, an der Supermarktkasse leuchtet es gelb, aus den Fenstern hängen gelb-blau-rote Fahnen, und im Park werden Trikot tragende Hunde spazieren geführt. 

Im winzigen Kosmetiksalon nebenan unterhalten sich die Friseurinnen und ihre Kundschaft beim Haarewaschen über die Herzensangelegenheit Fußball. "Qué emoción! – Was für eine Aufregung!" sagt die eine. Eine Kundin hat eine kleine Vuvuzela bei sich, eine Friseurin trägt Kolumbiens Farben im Haar. Über dem Tresen flackert ein kleiner Fernseher. Ich frage spontan, ob ich das Spiel hier sehen darf.  

Kaum jemand in Kolumbien hat erwartet, dass die Mannschaft bei dieser WM so weit kommt. Jetzt können sie ihr Glück kaum fassen. In Brasilien sind die kolumbianischen Fans völlig übereuphorisiert. Ein Freund schreibt, er leiste sich die 800 Dollar für den Eintritt zum Spiel im Maracanã, – "So etwas kommt nie wieder!" – und der Korrespondent der Tageszeitung El Tiempo verheddert sich vor lauter Begeisterung im Metapherndickicht. Er schreibt, das kolumbianische "Gelbfieber" habe bei diesem Turnier in den Tropen alle Chancen, seine Gegner hinwegzuraffen.  

Der "hübsche Junge" schießt die Tore

Nur die Wirte sind sauer. In vielen Städten Kolumbiens gilt an Tagen, an denen die Nationalmannschaft spielt, ein striktes Alkoholverbot. Auch am Samstag durften keine berauschenden Getränke verkauft werden. Das Verbot hat seinen Grund. Oft feiern die Fans so exzessiv, dass die Party in Gewalt mündet, nach dem Spiel gegen die Elfenbeinküste gab es landesweit zwei Tote und fast 90 Verletzte. Die Fans wissen sich zu helfen und bunkern Vorräte für zu Hause – aber die Kneipen bleiben leer. Ich besitze gar keinen Fernseher und kann das Spiel im Friseursalon genauso gut wie überall sonst sehen.

Die Uruguayos gelten als schwierige Gegner. Die Partie läuft kaum ein paar Minuten, da treten sie zum ersten Mal zu. Kolumbien lässt den Ball trotzdem laufen, Uruguay stellt Beine. "Solche Ferkel!" rufen sie im Salon empört. "Die sind zu allem fähig, nicht nur, dass sie beißen!"

Inzwischen weiß ich auch, wie die beiden Friseurinnen heißen. Yasbeyde Jaraba trägt ein gelbes Trikot und zur Feier des Tages die Haarspange in den Nationalfarben. Jacqeline Merchán hat ein rotes Leibchen übergestreift. Nebenbei kommentieren sie das Aussehen der Spieler. Freistoß James! "So ein hübscher Junge, oder?" sagt Yasbeyde. Der Ball geht daneben.

Yasbeyde und Jacqeline (l.) in ihrem Frisörsalon © Alexandra Endres

Während ihre Nationalelf in Rio de Janeiro den Offensivfußball pflegt, enthaart Yasbeyde im Nebenzimmer einer Kundin die Achseln. Jacqeline klebt vor dem Fernseher. Als ein Schuss von Camilo Zuñiga direkt in den Armen des gegnerischen Torhüters landet, schreit sie laut auf. Yasbeyde kommt gelaufen, hochroten Gesichts, in der Hand noch den Stoffstreifen mit Heißwachs. "Was ist los? Ein Tor? Ich habe Schweißausbrüche, das macht mein Herz nicht mit!"

Pékerman würde alle Stimmen kriegen

In Minute 28 ist es dann soweit: lauter Jubel aus dem Nachbarhaus. Sekundenbruchteile später sehen auch wir, wie James Rodríguez den Ball ins Tor drischt. Hüpfende Fans im Maracanã, darüber die Stimme des Reporters. "Qué Golazo! Was für ein Hammertor, Kolumbien schreibt Geschichte" ruft er. "Stand, jetzt sind wir im Viertelfinale! James gehört zu den Besten dieser WM, neben Messi, Neymar und Müller! Kolumbien macht seine Sache toll, und verantwortlich ist der Heilige-José-Gott-segne-ihn-Pékerman!"

Yasbeyde und Jacqueline finden, Kolumbien sollte den argentinischen Trainer einbürgern. "Und dann wird Pékermann Präsident! Er würde alle Stimmen kriegen, ganz ohne Wahlkampf."

Müller wird auf Spanisch übrigens Miú-ler gesprochen, und James heißt Cha-mes. Doch trotz der Künste von Cha-mes ist das Spiel noch nicht gewonnen. Die Uruguayos grätschen weiter. Kolumbien kontrolliert den Ball dennoch die meiste Zeit und hält den Spielstand bis zur Halbzeitpause.

Fünf Minuten nach dem Wiederanpfiff schlägt Cha-mes wieder zu. Gooooool!! Im Salon liegen sie sich in den Armen. Jacqeline hat feuchte Augen, Yasbeyde muss die Maniküre für einen Moment einstellen, weil ihre Hände so sehr zittern. Im Fernsehen berührt James Rodríguez den Schriftzug "Colombia" auf dem Trikot über seinem Herzen. "Kolumbien schreibt Geschichte! Großes Kolumbien, vereint und in Frieden!" ruft der Reporter. Manchmal mögen Latinos Pathetik.   

Brasilien wartet

Später erspielt sich Uruguay noch ein paar Chancen. Zum Glück hält der kolumbianische Torhüter David Ospina jeden Schuss. Jacqeline hält die Spannung nicht mehr aus, sie muss raus auf die Straße. Als das Spiel beim Stand 2:0 abgepfiffen wird, fällt sie mir strahlend um den Hals und dreht sich mit mir im Kreis. "Wir haben gewonnen! Mein Gott, danke!" ruft sie. Yasbeyde wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. Dann wartet schon die nächste Kundin zur Pediküre.

Draußen lärmen die Vuvuzelas, Drucklufttröten und Hupen. Bogotá feiert seine Heiligen, heute heißen sie Cha-mes, Ospina und Pékerman. Kommenden Freitag geht es gegen Brasilien. 

Die Feiern nach dem Einzug ins Viertelfinale werden aber wieder getrübt.  Nach dem Spiel wurde in Bogotá eine Frau ermordet. Ein Mann auf einem Motorrad habe auf drei Menschen am Straßenrand gefeuert und die 25-Jährige tödlich getroffen, sagte Bürgermeister Ricardo Bonilla. Zuvor hatte die Polizei mitgeteilt, ersten Erkenntnissen zufolge sei die Frau versehentlich durch Freudenschüsse getötet worden.

Laut Bonilla wurden in der Hauptstadt nach dem Sieg Kolumbiens über Uruguay zudem 274 Prügeleien gezählt, bei denen fünf Menschen verletzt wurden. "Wir müssen vorsichtiger sein", mahnte er. Polizeichef Rodolfo Palominos rief via Twitter dazu auf, "die Freude des Siegs nicht in Tränen zu verwandeln" und "mit Vorsicht zu feiern".