Die Nachricht liest sich für viele Fußballfans auch 12 Stunden nach dem Spiel wie ein schlechter Scherz: Spanien verliert im zweiten Gruppenspiel 0:2 gegen Chile und scheidet vorzeitig aus der WM aus. Es ist nicht das erste Mal, dass es einen Titelverteidiger in der Vorrunde erwischt. Das gab es zuletzt 2010 in Südafrika mit Italien. Doch selten kam es so überraschend – wenn auch nur auf den ersten Blick.

Ausgerechnet Spanien, die Mannschaft der vergangenen Jahre, die sowohl mit ausgetüftelten Offensivspielzügen als auch mit einem scheinbar unbezwingbaren Abwehrriegel den Weltfußball dominierte, ist raus. Und das nicht etwa knapp oder unverdient, sondern völlig zu recht. Spaniens Leistung in den Gruppenspielen war eines Weltmeisters nicht würdig. Wie kann es sein, dass eine Mannschaft so abstürzt? Wo und bei wem ist der Fehler zu suchen?

Möglicherweise bei Trainer Vicente del Bosque, der seine Mannschaft seit Jahren mit für Fußballverhältnisse bemerkenswerter Konsequenz aufstellt. Mit drei Turniersiegen in Folge gab ihm die Weisheit never change a winning team möglicherweise recht. Bereits vor zwei Jahren galt das spanische Spiel als überholt. Effektiv war es dennoch. Geblendet von den Erfolgen übersah del Bosque möglicherweise die Vorzeichen, die seit der EM 2012 auf dieses überraschende Ausscheiden in Brasilien hindeuteten.

Der Confed-Cup als Vorzeichen

Sie zeigten sich bereits vor einem Jahr beim Confed-Cup. Nahezu die gleiche Mannschaft, die nun gegen Chile ausschied, stand damals in Brasilien auf dem Platz. Spanien erreichte zwar das Finale, war bis dorthin 29 Pflichtspiele lang ungeschlagen, doch die spanischen Spieler und ihre Taktik zeigten erste Abnutzungserscheinungen. Im Halbfinale konnte Spanien erst im Elfmeterschießen die Italiener bezwingen. Im Finale unterlagen sie schließlich Brasilien überraschend klar mit 0:3.

"Die Meister sind müde", fassten die Medien den damaligen Auftritt der Spanier zusammen. Etwas, das nicht nur an den Temperaturen lag, sondern auch an den Gegnern, die das spanische System offenbar entschlüsselt hatten. Mit einer Mischung aus überlegter Defensive und kontrolliertem Pressing.

So begannen auch die Chilenen: Sie attackierten die Spanier früh und setzten sie damit unter Druck. Die Führung der Chilenen ist eines der am schönsten herausgespielten Tore des Turniers: Alexis Sánchez erobert den Ball in Spaniens Hälfte, der Ball läuft schnell über die Außenseite in die Spitze, wo Eduardo Vargas abschließt.

Doch Chile tappte nicht in die Falle, sich in bedingungslosem Angriffsspiel müde zu rennen. Wie schon die Niederlande im ersten Gruppenspiel zogen sie sich immer wieder zurück, so dass Spanien zwar bemüht den Ball laufen ließ, sich aber kaum gute Chancen herausspielte. Stattdessen folgten die Konterangriffe der Chilenen, mal über rechts, mal über links und stets variabel. Genau über dieses abwechslungsreiche, bisweilen auch unkonventionelle Spiel ist Spanien zu knacken.

Spielt Barcelona schlecht, spielt Spanien schlecht

Der Entschlüsselung des spanischen Ballbesitzfußballs, des vielzitierten Tiki-Taka, geht auch die Entzauberung des FC Barcelona voran. Wie kaum in einem anderen Nationalteam ist die Offensive von dem System und den Spielern einer einzigen Vereinsmannschaft abhängig. Seit Jahren treiben die Ballkünstler Busquets, Xavi, Iniesta und oft auch Pedro aus Barcelona im Mittelfeld an. Sie sind das Herz, der Motor, kein Angriff läuft ohne sie. Das funktionierte so gut, dass Spanien zwischenzeitlich sogar auf einen echten Stürmer verzichten konnte.

Doch ausgerechnet im vergangenen Jahr lief es nicht gut für den FC Barcelona. Erstmals seit Jahren blieben die Katalanen in einer Saison ohne Titel. Das hochgelobte Mittelfeld präsentierte sich in vielen Spielen ungewohnt genügsam. Statt Tiki-Taka gewann am Ende die eisenharte Defensive von Atlético Madrid die Meisterschaft in Spanien. Im Finale der Champions League traf Atlético auf das konterstarke Flügelspiel von Real Madrid. Das war gut für die beiden Mannschaften aus Madrid – und schlecht für die spanische Nationalmannschaft.

Gegen die Niederlande und Chile sahen die Fans des spanischen Fußball die Probleme, die Barcelona in der vergangenen Saison immer wieder plagten: Gegen tief stehende Mannschaften fehlt ihnen oft der letzte Pass, Fernschüsse gelten weiterhin als verpönt. Im Vergleich zu Barcelona schießen die Spanier zwar traditionell weniger Tore, doch diese waren in der Vergangenheit oft überlegt herausgespielt.