ZEIT ONLINE: Herr Stöhr, was macht Brasilien heute?

Oliver Stöhr: Wir haben endlich wieder Sonnenschein.

ZEIT ONLINE: Haben Sie heute auch schon jemanden gebissen?

Stöhr: Nee, aber ich wollte. Ich hatte so ein Gespräch mit einem Kollegen. Er hat mich überhaupt nicht verstanden, ich spürte, wie die Wut in mir hochkocht. Dann habe ich mir auf die Lippe gebissen, auf meine eigene.

ZEIT ONLINE: Gestern biss Suárez, der Stürmer aus Uruguay, seinem italienischen Gegenspieler in die Schulter, als wäre das eine Entenkeule. Haben Sie so etwas schon mal gesehen?

Stöhr: Nein, so dreist habe ich noch keinen Fußballer zubeißen gesehen. Nur beim Boxen gab es mal was Ähnliches: den Ohrenbeißer.

ZEIT ONLINE: Ist das eigentlich okay?

Stöhr: Beißen ist eigentlich gar nicht okay. Bei meiner einjährigen Tochter habe ich da Verständnis, aber erwachsene Männer ...

ZEIT ONLINE: Nicht, dass ich jetzt jeden Biss verteidigen möchte, aber drei Minuten nach Suárez' Schulterbiss hat Uruguay den Siegtreffer erzielt und ist dadurch nun im Achtelfinale. Im Fußball werden andere Fouls, besonders taktische, von einigen Trainern sogar einstudiert.

Stöhr: Gewalt ist keine Lösung.

ZEIT ONLINE: Verletzt wurde ja niemand ernstlich.

Stöhr: Natürlich schubst man beim Handball oder Fußball mal oder stellt sich dem Gegenspieler in den Weg, mit durchgedrückten Armen. Aber richtige Gewalt? Nee! Wenn ich mal ein klemmendes Kabel durch die Wand ziehen will, dann kann ich da meine Gewalt rauslassen, aber nicht andere Menschen beißen.

ZEIT ONLINE: Sie als Elektromonteur haben also kein Verständnis für den Fußballer, der das Beste für sein Team wollte?

Stöhr: Ich arbeite fast gar nicht mehr als Elektriker, ich bin hier für die Sicherheitstechnik zuständig.

ZEIT ONLINE: Wenn irgendwo eine Sicherung durchbrennt, greifen Sie ein?

Stöhr: Klar, das kriege ich hin. Übrigens muss durch den Biss ja nun ganz Italien leiden.

ZEIT ONLINE: Das ist schlimm?

Stöhr: Ehrlich gesagt: nö. Ich finde das nicht schade. England, Italien, Spanien – ist doch super, dass die großen europäischen Fußballländer mal nach der Vorrunde nach Hause fahren müssen. Das ist ja eine Weltmeisterschaft und keine Europameisterschaft in Brasilien.

ZEIT ONLINE: Italien hat 2006 die WM gewonnen, für einige waren die Italiener wieder ein Titelfavorit.

Stöhr: Die sollen sich jetzt mal auf das konzentrieren, was sie auch gut können: Pizza backen, Pasta kochen, Autos bauen. Ich hätte mich auch total gefreut, wenn die Elfenbeinküste Griechenland rausgeschmissen hätte.

ZEIT ONLINE: Na, na.

Stöhr: Klar, diese WM ist doch deshalb toll, weil die kleineren Teams plötzlich gewinnen. Da geht es richtig zur Sache.

ZEIT ONLINE: Sehen das Ihre Kollegen in Brasilien auch so?

Stöhr: Mit einigen kann man über Fußball sprechen, mit anderen nicht. Aber wenn ich mit Kunden rede, spreche ich in den ersten Sätzen fast immer über Fußball. Wenn WM ist, reden plötzlich alle über den Ball.

ZEIT ONLINE: Suárez' Biss wurde ja vom Schiri nicht bemerkt. Sollte die Fifa ihn nachträglich bestrafen?

Stöhr: Ja, muss sein. Bei so einer Dummheit muss da jetzt was passieren. Gäbe es den Videobeweis, hätte der Schiedsrichter übrigens noch im Spiel eine Rote Karte zeigen können. Das sollte kommen, nach der Torlinientechnologie und dem Strafraumspray wäre das eine Verbesserung für das Spiel.

ZEIT ONLINE: Was sollte denn jetzt mit Suárez geschehen? Es scheint ja so, als ob er unter Stress häufiger um sich beißt. Das kam in der Premier League auch schon vor. Clever war der Norweger, der darauf sogar bei dieser WM gewettet hat.

Stöhr: Ich würde ihm einen Beißring einoperieren lassen und damit zwei Jahre in Italien Pizzateig kneten lassen.


Brasilien an der Ostsee - Die Copacabana hinter Kiel An der holsteinischen Ostseeküste befindet sich in der Gemeinde Schönberg der Ortsteil Brasilien – direkt neben Kalifornien. Traumstrände und Offenheit hinter dem Deich lassen den brasilianischen Geist aufleben.