Ach, England. Jetzt hatten wir uns doch gerade erst wieder versöhnt. Nach quälend mauen Auftritten bei den vergangenen beiden WM-Endrunden in Deutschland und Südafrika hattest du es gegen Italien zum Auftakt diesmal ja wirklich versucht. Hattest ein anderes Gesicht gezeigt, jung und wild, manchmal fast schön, endlich jedenfalls mal überraschend. 

Und jetzt das: zweites Spiel, zweite Niederlage, zum zweiten Mal ein 0:1 aufgeholt, zum zweiten Mal 1:2 verloren. Vor allem: Ein Rückfall in die systemverweigernde Holzfußball-Ära der neunziger Jahre. Ach, England, du große, tragische Fußballnation.

Zlatan Ibrahimović gähnte schon nach 20 Minuten. Der schwedische Superstar war gekommen, um seinem Kumpel von Paris Saint-Germain, Edinson Cavani, die Daumen zu drücken. Was er sah, war ein Kann nicht (England) gegen Will nicht (Uruguay). Ein Spiel zweier verunsicherter Teams, die planlos in die gegnerische Hälfte rannten wie E-Jugend-Spieler. Zlatan Ibrahimović sah eine halbe Stunde lang so gut wie nichts von Belang, einzig ein strammer Freistoß von Wayne Rooney, der aus rund 20 Metern nur um Bierdosenbreite am Tor vorbeisauste, vermochte ihm eine Regung zu entlocken. Ansonsten schien er unablässig ein Wort vor sich hinzumurmeln: Laaaaaaaaaaaaaangweilig.

Es war schließlich Luis Suárez, Uruguayer im Dienste des FC Liverpool und in der Premier League mit 31 Treffern Torschützenkönig, der der Langeweile ein Ende setzte. Nach einem Fußspitzen-Sahneflänkchen von Cavani stahl Suárez sich aus der Abwehr davon und köpfte links unten ein. Ausgerechnet er, dessen Fitness nach einer erst vor fünf Wochen erlittenen Knieverletzung und zwischenzeitlicher Wundergenesung arg angezweifelt worden war – und der bis zu dieser 38. Minute auch eher so gespielt hatte, als hätte er einen Ziegelstein zwischen den Beinen baumeln.

Gelähmt, seelenlos, ängstlich

Und wie reagierten die Engländer? Die Frage ist falsch gestellt. Sie sollte besser lauten: Warum reagierten sie nicht? Sie wirkten wie gelähmt, ideen- und seelenlos, ängstlich.

Trainer Roy Hodgson fiel auch in der Pause nichts ein. Den Totalausfall Raheem Sterling (Zweikampfquote 28 %), der gegen Italien noch einige Glanzpunkte gesetzt hatte, ließ er genauso auf dem Feld wie den geisterhaften Danny Welbeck, dessen Anwesenheit einzig der Spielbogen belegte. Uruguay tat unterdessen das, was es am besten kann: Beton anrühren und immer wieder kleine, gefährliche Nadelstiche setzen. So fiel nach einer Ecke in der 50. Minute fast das 2:0, zwei Minuten später hielt nur ein grotesker Fehlschuss von Cavani England im Spiel.

Die Three Lions rannten fleißig weiter an, immer und immer wieder, ein planloser, vertikaler Angriff nach dem anderen, ohne jede Varianz. Und doch taten sich plötzlich Räume auf, den Uruguayern schien langsam die Puste auszugehen. Rooney versiebte in seinem zehnten WM-Spiel zwei weitere Großchancen – darunter einen mit gefühlt 300 km/h aus weniger als einem Meter Distanz an die Latte gehämmerten Kopfball – bevor er sich über sein erstes WM-Tor freuen durfte. Da waren 75 Minuten gespielt.

Plötzlich drehte der Wind, plötzlich spielte England wieder wie gegen Italien. Plötzlich war sie wieder da, die Hoffnung der zahlenmäßig deutlich unterlegenen Fans im Stadion von São Paulo, ja, auch die Hoffnung des WM-Paten. Hoffnung auf einen Sieg, auf ein Weiterkommen.

Uruguay hat das Weiterkommen wenigstens selbst in der Hand

Doch dann kam er. Luis Suárez. El Pistolero. Zum Zweiten. 86. Minute, ein langer Verzweiflungsball aus dem Halbfeld, England-Kapitän Steven Gerrard leitet ihn mit dem Hinterkopf unfreiwillig weiter und Suarez, gierig wie ein hungriger Löwe auf ein Stück Fleisch, fixiert den Ball, nur den Ball und hämmert ihn aus spitzem Winkel ins Tor. Es war eine Demonstration von Stärke und Konsequenz.

Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, fahren die Engländer erstmals seit 56 Jahren wieder nach der Vorrunde nach Hause. Nach diesem Spiel muss man sagen: Sie tun das auch verdient. Über weite Strecken verweigerte das Team von Roy Hodgson, modern Fußball zu spielen. Die Verteidiger schlugen die Bälle planlos ins Aus, als hätte ihnen nie jemand verraten, dass man auch defensive Probleme spielerisch lösen kann. Wayne Rooney mühte sich vergebens, war links zu finden, rechts, zentral, aber auch er agierte ohne Sinn und Verstand.

Und Uruguay? Ist auch nach diesem zweiten Spiel bei der WM eher geheim als Favorit. Aber sie haben das Weiterkommen am letzten Spieltag gegen Italien immerhin selbst in der Hand.