König Fußball regiert die Welt. Die ganze Welt? Nein – die USA weigern sich seit Jahrzehnten beharrlich, ihm den Thron der beliebtesten Sportart zu überlassen. Dass sich das ändere, wurde schon oft prophezeit. Doch just, bevor er als ewiges Talent abgestempelt wird, lernt Amerika nun doch noch, den Soccer zu lieben: US-Bürger haben 200.000 WM-Tickets gekauft, mehr als alle anderen Gäste – und sogar mehr als die drei nächstgrößten Käufergruppen aus Argentinien, Deutschland und England zusammen. 

Dahinter steckt mehr als die Kombination aus machbarer Entfernung und Zeitverschiebung, Kaufkraft, Patriotismus und Brasiliens Eignung für Party- und Strandurlaub. Das beweist unter anderem ein unscheinbarer Button im Hauptmenü von ESPN.go.com, dem Zentrum des US-Sportmedien-Imperiums. "World Cup" steht dort, gelb hinterlegt und damit sehr prominent, das ist die erste Revolution. Die zweite: Selbst der Zusatz "Soccer" fehlt. So viel Selbstverständlichkeit war nie.

Den Amerikanern fehlt traditionell nicht nur der Bezug zum Fußball, sondern auch zum Konzept WM. Internationale Sportwettbewerbe haben für das US-Publikum vor allem folkloristischen Wert. "Die Fußball-WM ist der Höhepunkt dieses Sports, dort werden die wichtigsten Spiele ausgetragen", müssen US-Fans erst mühsam lernen. "Es ist, als wäre Olympisches Hockey wichtiger als der Stanley Cup" – also die Trophäe der Profiliga NHL. Ein absurder Gedanke. Aber was in den USA zählt, ist auf dem Platz. Auf amerikanischem Boden.

Dieser US-Zentrismus scheint arrogant und ignorant, hat aber Gründe. "Sport ist und bleibt das schwächste Glied der amerikanischen Dominanz globaler Popkultur", räsoniert das Time Magazine. Was der Rest der Welt mag, fällt in den USA oft unter den Begriff Randsportart. Und andersherum.

Sport in den USA findet in einer Blase statt

In ihren Lieblingssportarten sind Amerikaner meist die Besten. Das gilt für Fun- und Extremsportarten ebenso wie für Ovalparcours-Autorennen. Und vor allem für die Big Four: Die Meister der US-Profiligen im Football, Basketball, Baseball und Eishockey preisen Fans wie Journalisten seit jeher als "World Champions" – und meinen es auch. Das Niveau dieser Ligen ist faktisch höher als das bei internationalen Wettkämpfen, falls es solche überhaupt gibt. Auch durch das Milliardengeschäft mit College-Amateuren findet Sport in den USA gewissermaßen in einer Blase statt. Doch die Zeiten ändern sich.

Im Jahr 2014 gilt Fußball zumindest in den aufgeklärteren Teilen der USA nicht mehr als latent kommunistisch, langweilig oder als Sport für kleine Mädchen. Die Camps der American Youth Soccer Organization sind überlaufen wie Konzerte einer Indie-Band an der Schwelle zum Durchbruch. Junge Amerikaner – Weiße, Latinos, Schwarze – messen sich heute an den Videospielkonsolen im Soccer auf und verehren Messi und Ronaldo. Geographie lernen sie ganz nebenbei: Wo liegen noch mal dieses Europa, Madrid, München?

Der Durchbruch ist da, mit 20 Jahren Verspätung: 1994 hatten die USA die WM ausgerichtet. Das Experiment glückte: Die legendär hässlichen US-Trikots entwickelten sich zum Kultartikel, der Zahl der Zuschauer in den riesigen Arenen ist bis heute unerreicht. Doch der Enthusiasmus verpuffte. Die im selben Jahr gegründete Major League Soccer (MLS) dümpelte lange vor sich hin. Für Weltmeisterschaften qualifizierten sich die USA stets: 2002 erreichte das Team sogar Platz 8, meist aber war in der Gruppenphase Endstation. Bis 2007 gab es nicht einmal einen echten Fanclub der Nationalmannschaft. Heute haben die American Outlaws 18.000 Mitglieder in knapp 130 Städten und chartern eigene Flugzeuge. Zwischen den WM 2006 und 2010 stieg die Zuschauerzahl in den USA um 19 Prozent – stärker als in jedem anderen Markt. Das Finale 2010 verfolgten 24 Millionen US-Amerikaner; das Endspiel der Baseball-Liga im selben Jahr nur 15 Millionen.

Der Lernprozess braucht Zeit und Geduld

Mit jedem Spiel der USA in Brasilien fallen weitere Rekorde. Und für die US-TV-Rechte an den Turnieren 2018 und 2022 zahlt Fox Sports mehr als 400 Millionen Dollar, sehr viel mehr als früher, trotz der unvorteilhaften Zeitunterschiede zwischen den USA, Russland und Katar. Aber der Lernprozess in der Gesellschaft braucht Zeit und Geduld. Das Wachstum mag stabil und nachhaltig sein, aber dafür ist es auch langsam. 

Maßgeblich dafür verantwortlich ist ausgerechnet Klinsmann, der ehemalige König der verhassten Schwalben. Er verbindet eine Aura deutsch-europäischer Fußballkompetenz mit kalifornischem Sunnyboy-Charme. Der Präsident des US-Fußballverbands, Sunil Gulati, schwärmt, Klinsmann mache den Fans den Sport schmackhaft wie keiner je zuvor. 

Ronnie Trower sieht das ähnlich. Der 21-jährige Maschinenbaustudent aus Michigan ist Fußballnerd, verfolgt seine Tottenham Hotspurs und die Bundesliga. Und die WM? "Hilft unheimlich dabei, dem Fußball hier mehr Fans zu verschaffen. Viele große Teams sind zwar schon raus, aber das Spiel selbst ist viel offensiver, aggressiver, physischer als noch 2010. Das ist für viele Amerikaner sehr attraktiv." Er selbst war als Schüler ausgelacht und angefeindet worden, weil er den "unamerikanischen" Fußball dem American Football vorzog. Als Student an der University of Michigan passiere ihm das nicht mehr, sagt Trower, die Leute seien heute freundlicher und interessierter. 

Fußball etabliert sich in der Mitte der US-Gesellschaft, die Big Four werden zu den Big Five. Zum König des Sports wird der Fußball in den USA aber auf absehbare Zeit nicht aufsteigen; als Lieblingssport bezeichnen ihn wie seit 30 Jahren nur drei Prozent. Und vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. "Die USA haben doch alles andere", reflektiert ein US-Journalist angesichts des Unmuts, den die Fluten der Fans in Stars and Stripes in Brasiliens Stadien auslösen. "Kann der Rest der Welt nicht weiter den Fußball haben?"