Maradona ist schon da. Vor dem Maracanã, dem Stadion von Rio, posiert er für Besucher, mit Perücke und Weltmeistertrikot. Ab und zu wirft sich eine Touristin in seine Arme und lässt sich fotografieren, etwa 20 Euro macht das argentinische Fußballgott-Double am Tag. Seine besten Kunden sind Argentinier.

Blöd nur, dass die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien stattfindet. Sie sollte die größte Party in der Geschichte des Landes werden. Doch den Menschen ist nicht nach feiern. Nicht jetzt, wo sie erkannt haben, wie eine WM wirklich funktioniert.

Sie kennen nun die Knebelverträge der Fifa, die Steuererleichterungen und Gesetze, die nur für die Herren des Fußballs und ihr Hochglanzprodukt gestrickt wurden. Die Brasilianer haben mitbekommen, dass sie es sind, die mit ihren Steuermilliarden die große Sause finanzieren, während die Fifa die Gewinne mit in die Schweiz nimmt.

Hinzu kommen Dauerstaus, kaputte Schulen und das Gefühl, dass dieses Land gerade Wichtigeres zu erledigen hätte, als ein überdimensioniertes Fußballturnier zu veranstalten. Die Brasilianer tun sich schwer, der Welt das Klischee vom hüftwackelnden, immer auf irgendetwas herumtrommelnden Volk zu bestätigen. Zeigt sich doch an dieser WM, was in diesem Land schief läuft: Eine korrupte Elite bedient sich. Erst Politiker und Konzerne. Nun eben die Fifa.

Vor einem Jahr lud die Filmstudentin Carla Dauden ein Video auf YouTube hoch. Nein, ich werde nicht zur WM gehen wurde seither 4,3 Millionen Mal geklickt. Carla Dauden schimpfte über die teuerste WM aller Zeiten, das üble Gesundheitssystem, Zwangsumsiedlungen und die sogenannte Befriedung der Favelas. Eine Woche lang konnte sie danach kaum essen und schlafen. Ihr wurde gedroht, einige vermuteten, sie sei von der CIA, weil sie so gut Englisch spricht. Die meisten gratulierten ihr. Auch wegen ihr gingen im vergangenen Jahr mehr als eine Million Brasilianer auf die Straßen.

Brennende Barrikaden, Menschen, die von einer Straße gezerrt werden, damit ein Bus voller Fußballspieler passieren kann – vor solchen Bildern hat die Fifa Angst. Selbst Sepp Blatter bat die Brasilianer kürzlich in einem Akt gespielter Unterwürfigkeit um Verständnis. Er brauche die Hilfe des brasilianischen Volkes, um diese WM zur Besten zu machen, die es je gab, sagte er. Übersetzt heißt das zwar: Macht uns bloß nicht unser Geschäft kaputt, ihr Idioten! Aber es zeugt auch von Nervosität.

Vielleicht ja zu Recht. Der Protest hat sich gewandelt. Es sind nicht mehr so viele Menschen auf den Straßen, aber die Gruppen sind organisierter. Sie wissen, was sie tun. Es heißt, einige Aktivisten wollten um jeden Preis ein Spiel verhindern. In Brasilien muss man dazu nur eine Straße blockieren. Allein in Rio de Janeiro sind auch deshalb 15.000 Soldaten im Einsatz. Ein Kriegsschiff fährt vor dem Traumstrand von Ipanema auf und ab, weil die Niederländer dort in einem Hotel residieren.

Der Protest ist gefährlicher geworden. Oft mischt die brasilianische Version des schwarzen Blocks mit. Im Februar wurde ein Kameramann von einem Feuerwerkskörper am Kopf tödlich getroffen. Auf der anderen Seite steht eine wenig zimperliche Polizei, die schon angekündigt hat, während der WM konsequent gegen Unruhestifter vorzugehen. Viele haben Angst, auf die Straße zu gehen. Und wenn etwas schief geht, wenn ein Mensch bei einer Demonstration stirbt, dann wird der Fifa diese WM endgültig um die Ohren fliegen.