Julia, 21 Jahre alt, Musikstudentin steht vor der hübsch angeleuchteten Candelária-Kirche in Rio de Janeiro und kann das alles nicht so recht glauben. Zwölf, sagt sie. Zwölf! Sie hat eben durchgezählt, als sie sich durch die Menge gedrängelt hat, vorbei an den Militärpolizisten, die bepanzert in Reih und Glied stehen, vorbei an den vielen Reportern und Fotografen, die ihre mit Press oder Imprensa bedruckten Schutzhelme aufgesetzt haben. Alle sind da. Nur Demonstranten zu finden, das ist auf dieser Demonstration nicht ganz so einfach. Zwölf sind es und Julia ist eine davon.

"Als ich hier ankam, musste ich kurz weinen", sagt Julia. Was sei das nur für ein Land, all der Kampf für nichts.

Vor genau einem Jahr war Julia auch hier. Damals hätte das mit dem Zählen etwas länger gedauert. Am 20. Juni 2013 waren fast zwei Millionen Brasilianer in 438 Städten des Landes auf den Straßen. Allein in Rio de Janeiro forderten etwa 300.000 Menschen Geld für Schulen, Krankenhäuser und U-Bahnlinien statt WM-Stadien. Sie hatten die Korruption in ihrem Land satt, die Polizeigewalt und die steigenden Preise. Die Regierung war erschrocken, die Fifa auch, es lief gerade der Confed Cup, die Generalprobe für die WM. Würden die Brasilianer etwa auch die Weltmeisterschaft lahmlegen?

WM-Besucher bekommen nichts mit

Nach mittlerweile elf WM-Tagen kann man diese Frage guten Gewissens verneinen. Wenn die Seleção spielt, trötet und böllert das ganze Land. Die Fanfeste sind voll, jeder Brasilianer scheint mindestens ein Neymar-Trikot im Schrank zu haben, sei es auch nur eine dieser Fünf-Euro-Fälschungen, die einem die Straßenhändler an jeder Ecke andrehen wollen.

Inmitten des Rummels haben die Aktivisten Mühe, gehört zu werden. Es gibt sie ja, die Proteste. 300 Leute in São Paulo, 300 in Brasilia, 250 in Rio de Janeiro, auch mal 1.000 in Porto Alegre. Doch viel mehr ist nicht. Die meisten WM-Besucher bekommen von den Demonstrationen gar nichts mit. Und manche Demonstranten wechseln direkt nach dem Dagegensein zum Fußballgucken in die nächste Kneipe.

Auch Julia hat vorhin noch ein Spiel geschaut, jetzt singt sie: "Lasst uns durch, die Revolte des Volkes" oder "Fifa, geh zurück in die Schweiz". Auf Portugiesisch reimt sich beides. Die Demonstranten laufen die Avenida Rio Branco hinunter, eine der größten Straßen im Zentrum der Stadt. Es ist voller geworden, vielleicht 300 Leute. Viele Lehrer, Sozialarbeiter, Studenten, das alternativere Rio. Julia ist etwas zufriedener, nur etwas.

Sie erinnert sich, wie die Leute im vergangenen Jahr aus den Fenstern ihrer Hochhäuser riefen und ihre Lichter ganz schnell aus- und wieder anknipsten, als Zeichen der Unterstützung (Video aus Porto Alegre). Heute blinken nur die Lichter an den Polizeiwägen. Die Passanten schauen skeptisch herüber. Dieses Grüppchen ist für viele vor allem ein Hindernis auf dem Weg in den Feierabend. "Die Leute denken, es bringt eh nichts", sagt Julia.

Laut Umfragen können sich viele Brasilianer mit dem identifizieren, was die Demonstranten wollen. Aber sich ein ganzes Leben lang über die korrupten Eliten seines Landes aufzuregen, kann sehr müde machen.

Nichts hält besser ab als Angst

Ein Grund, warum nur noch wenige auf die Straßen gehen, läuft auch an diesem Tag mit: der Schwarze Block. Im brasilianischen Fernsehen sieht man fast nie den friedlichen, fast fröhlichen Teil der Demonstrationen, die Trommeln, die Posaunen. Dafür Teenager mit dunklen Kapuzen und Wollmützen, die Schaufensterscheiben einschlagen oder mit selbstgebastelten Feuerwerkskörpern um sich schießen. Die vermummten Halbstarken suchen in Rio die Nähe der TV-Kameras. Neben Julia tanzen sie im Kreis, einige recken ihre Skateboards in die Luft wie Kalaschnikows. Die Fotografen lieben diese Bilder, repräsentativ sind sie nicht. 

Ein anderer Grund für das Zurückbleiben vieler Demonstranten ist die Brutalität der Polizei. Bekannt wurde das Video eines Demonstranten aus São Paulo, den eine komplette Polizeieinheit in den Schwitzkasten genommen hatte, ehe ein weiterer Polizist hinzu kam und ihm Pfefferspray direkt ins Gesicht sprühte. In Rio schubst die Polizei einen Mann auf Krücken von der Straße, weil er einem Taxi im Weg steht. Bei anderen Demos sollen Polizisten nicht nur Gummigeschosse und Tränengaspatronen eingesetzt haben, sondern auch echte Munition. Wer nicht spurt, bekommt sowieso den Schlagstock.