Wer Andreas Biermann auf dessen Mobiltelefon anrief, bekam sofort zu hören, wie wundervoll das Leben ist. "Wonderful Life", ein Lied von der Band "Hurts" erklang statt des üblichen Wartetons. "Don’t let go. Never give up – it’s such a wonderful life" heißt es dort im Refrain. Gibt niemals auf. Das Leben ist wundervoll. Für Andreas Biermann war das Leben längst nicht mehr wundervoll. Vielleicht war es das nie. Er litt an Depressionen. Am Freitag hat sich Andreas Biermann das Leben genommen. Er wurde nur 33 Jahre alt.

Über seine Krankheit und die Zeit als Fußballprofi hatte er 2011 ein Buch geschrieben, es heißt "Rote Karte Depression" und sollte anderen Fußballern Mut machen.

Depressionen waren im knallharten Geschäft des Profifußballs lange kein Thema, die Krankheit existierte in der öffentlichen Wahrnehmung nicht. Dann outete sich Sebastian Deisler vom FC Bayern und Robert Enke, der deutsche Nationaltorwart, nahm sich das Leben. Beide waren beziehungsweise sind depressiv. Der Aufschrei war laut. Aber er verhallte.

Der Junge mit den roten Haaren und den Sommersprossen

Andreas Biermann wollte nichts verhallen lassen. Er strebte eine Tätigkeit als Sportpsychologe an um denen zu helfen, die so fühlen wie er fühlte. Für ihn war das Leben ein ständiger Kampf, der ihn unvorstellbar viel Kraft kostete. Tief in seinem Innersten wusste er wohl, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Biermann war Spandauer, beim SC Schwarz Weiß begann er mit dem Fußball, später wechselte er zu Hertha BSC. Dass der größte und prominenteste Klub der Stadt gerade ihn, den Jungen mit den roten Haaren und den Sommersprossen wollte, machte ihn stolz. Wegen seines Äußeren war er in der Schule manchmal gehänselt worden aber nun wurde er bewundert. Niemand hänselt einen Spieler von Hertha BSC.

Biermann liebte den Fußball. Es war eine einseitige Liebe, der Sport meinte es nicht gut mit ihm. Verletzungen warfen ihn zurück und als bei einer Operation Bakterien in sein Knie gelangten, schien alles vorbei zu sein. Sportinvalide sei er, sagten die Ärzte. Da war er 24 Jahre alt.

Aber Biermann kämpfte. Er heuerte bei einem Verein in der vierten Liga als Co-Trainer an und ließ sich nebenbei nach den neuesten Methoden behandeln. Never give up.

Hin und wieder ging er mit den Mannschaftskameraden aus. Wenn die anderen ausgelassen feierten, stand er meist ruhig am Rand. Lautes Imponiergehabe war seine Sache nicht. Juliane mochte das an ihm, sie wurde seine Frau. Mit ihr bekam er später zwei Kinder. Zum privaten Glück gesellte sich in Neuruppin sportlicher Erfolg. Als er plötzlich wieder spielen konnte, staunten die Mitspieler. "Andreas war viel zu gut für die vierte Liga", sagte einer.

Tagsüber unerklärliche Traurigkeit, nachts Online-Poker

Schon bald erkannten das nicht nur die Kollegen. Biermann wechselte zurück nach Berlin, erst zum 1. FC Union, dann zu TeBe, ehe es beim FC. St. Pauli doch noch was wurde mit der Profikarriere. Aber in Hamburg kämpfte Biermann längst wieder mit seinen Dämonen. Bereits 2003 hatte er versucht, sich das Leben zu nehmen. Diese Traurigkeit, die ihn ständig überfiel, er konnte sie sich nicht erklären. Er hatte doch alles. Geld, eine liebe Frau, eine Familie.

In den Nächten konnte er nicht schlafen, mit Online-Poker vertrieb er sich die Zeit. Morgens ging es teilweise ohne Schlaf zum Training. "Ich funktionierte nur noch. Wie eine Maschine", sagte Biermann bei einem Gespräch vor einigen Jahren. Er glaubte, er würde an Spielsucht leiden. Dann versuchte er sich wieder das Leben zu nehmen. Ein weiterer Suizidversuch folgte 2012. Es war keine Spielsucht.