Ein Tireur bei der Arbeit im Boulodrom Berlin-Kreuzberg. © Paul Hofmann

Das muss die Eröffnungsszene eines Spielfilms sein: Ein lauer Sommerabend am Ufer des Berliner Landwehrkanals, Kreuzberger Feierabendstimmung, großes Flanieren, Sonnen, kühles Bierchen, am Rande ein paar Betagte, auf sandigem Boden zusammenstehend, gemächlich Boule spielend. Was auch sonst? Boule impliziert Pensionäre, die jungenhaft einen Haufen Metallkugeln durch die Gegend murmeln. Und palavern.

Holger steht neben seinem Fahrrad und überblickt das Paul-Lincke-Ufer. Als Beleg seiner Zugehörigkeit zum Boule-Kollektiv trägt er staubige Klamotte. Hier, im Boulodrom, hat Holger die meisten Abende seit seiner Pensionierung vor sechs Jahren verbracht, wenn es Wetter und Bandscheibe zuließen. Die Boule-Vorurteile interessieren ihn wenig. Er und seine Leute, zu denen auch der ehemalige haitianische Nationalspieler Serge Racine zählt, spielen Pétanque. Wo der Unterschied zum Boule liegt? Die Frage hat er erwartet, sagt er. Es sei dem zwischen Federball und Badminton ähnlich, sagt er. Das eine spielen Opa und Enkel auf der Wiese, das andere ist eine anspruchsvolle Sportart mit Regelwerk.

Das Regelwerk von Pétanque sieht zwei Mannschaften vor, zu je einem (das nennt man Tête-à-Tête), zwei (Doublette) oder drei Spielern (Triplette). Sie werfen Kugeln. Erst eine kleine, farbige aus Holz, die Männer vom Ufer nennen sie Cochonnet oder auch Schweinchen oder Wutz oder Speck oder Schatz oder Sau. Dann sechs große, metallene hinterher, die sie möglichst nah am Cochonnet platzieren. Es ist immer die Mannschaft am Zug, deren Kugeln weiter vom Cochonnet entfernt liegen. Sind alle Kugeln abgeworfen, wird ausgezählt. Für jede Kugel, die näher am Cochonnet liegt als die beste des Gegners, gibt es einen Punkt. Wer derer 13 zählt, gewinnt.

Reiht man sich ein in die vermeintliche Feierabendparade an Holgers Ufer, wird klar: Dieses Pétanque sieht so lässig aus, weil es keine Sache der Körper, sondern eine der Köpfe ist. Wenn die Frauen und Männer die ihrigen über Kugelformationen zusammenstecken, einen ganzen Abend mit Wettbewerbsernst spielen, ist Präzision gefragt und viel Konzentration.

Das sieht man, wenn sich Holger auf die Unterlippe beißt. "Jetzt kommt Königsholger", kündet ein Mitspieler von einem der akkuraten Holger-Würfe, die ihn über Kreuzberg hinaus bekannt gemacht haben.

Er schlendert elegant durch das vier Meter breite und viermal so lange Schotterrechteck. Nicht wie die Greenhorns eine Wurfweite entfernt, die ihre blitzeblanken Kugeln wie beim Kegeln auf der Betriebsfeier wegfeuern, die Wurfhand ungelenk zur Kuhle geformt. Die Professionellen haben Wurfrituale ausgebildet: Manche atmen nur tief ein, andere lassen den Wurfarm dreimal am Körper vorbeischlenkern, der nächste spuckt in die Wurfhand. Holger wirft die Kugel zweimal hoch. Er strafft sich, geht in die Knie. Dann schnellen seine Augenbrauen nach oben, der Wurfarm nach vorn und mit einem Rückhand-Schwung zwirbelt seine Rechte die Kugel. "Jaaa! Ran an die Sau", ruft er.