Ein irres Spiel, dieses 7:1 – und wir sind dabei gewesen. Wir, die den sensationellen Halbfinalsieg der DFB-Elf über die brasilianische Seleção vor dem Fernsehbildschirm erlebt haben.

Was uns im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, bei Sky oder sonst wo geboten wird, wurde allein für das sogenannte Weltbild mit 34 Kameras aufgenommen. Hinzu kommen noch weitere Kameras nationaler Fernsehanstalten. Was wir also zu sehen bekommen, wenn wir glauben, ein Fußballspiel zu schauen, ist eine mit vielen Schnitten und aus verschiedenen Perspektiven zusammengestellte Inszenierung eines Fußballspiels.

Durch die Schnitte, durch Nah- und Fernaufnahmen, durch Perspektivwechsel etwa bei der Zeitlupe oder durch Schnittbilder, die Trainer oder winkende Stadionbesucher zeigen, wird uns ein anderes Spieltempo vermittelt. Anders als das eigentliche Tempo. Und weil die Kameraeinstellung auf das Spiel meistens die sogenannte Halbtotale ist, bei der ein Ausschnitt des Spielfeldes zu sehen ist, geht jedes Verständnis vom Spielaufbau verloren.

Diese zusammengepuzzelten Bilder sind aber die Grundlage für alles, was wir uns selbst als Meinung über die fußballerische Qualität dieser Weltmeisterschaft gebildet haben: Ob es die WM der schlechten Schiedsrichterentscheidungen ist, ob der Ballbesitzfußball à la Spanien am Ende ist, ob Philipp Lahm auf die rechte Abwehrseite gehört oder warum Brasilien so einbrechen konnte. Das Fernsehen verspricht, dass wir dabei sind.

Die Fifa pflegt ihr teures Produkt

Die Rechte an den Bildern hält die Fifa und sie entscheidet. Im Fernsehen wird nicht gezeigt, wenn jemand die Inszenierung stört. Ein Flitzer etwa. Oder jemand, der ein Protestplakat hochhält.

Was wir für Fußball halten, ist also gleich doppelt problematisch: Wegen der Inszenierung sehen wir nicht, was wir glauben – eine halbwegs funktionierende Eins-zu-eins-Wiedergabe eines Fußballspiels. Und weil obendrein die Fifa den Daumen drauf hält, wird diese ohnehin fragwürdige Präsentation sogar nur aus genehmigten Bildern zusammengestellt.

Ist das Manipulation? Der Verdacht liegt nahe, ist aber unsinnig. Die Inszenierung eines Fußballspiels gleicht vielmehr der eines Dokumentarfilms. Es ist nachvollziehbar, dass Bilder ausgewählt werden, dass bestimmte weggelassen werden müssen und dass die eingenommene Perspektive den Sachverhalt prägt. Nicht nur beim Dokumentarfilm, auch beim Fußball erleben wir eine andere Dramaturgie, als wenn wir live vor Ort gewesen wären.

Was wir sehen, wird als objektive Wahrheit präsentiert

Wir sprechen dann auch vor allem über Szenen, die uns aus vielen Perspektiven und mit etlichen Wiederholungen gezeigt wurden: Tore, Beinah-Tore, Fouls, Schiedsrichterentscheidungen. Die zentrale Bedeutung der Tore für ein Fußballspiel ist unstrittig. Fouls erhalten Einzug in die Bilderzählung eines Fußballspiels, weil sie dem Regisseur die Möglichkeit geben, eine langweilige Situation (Leute liegen oder stehen auf dem Rasen) mit einer aktiven Szene (Foul) zu überbrücken. Das gelingt umso besser, wenn die Zeitlupe, meist aus völlig anderer Perspektive kommend, eingesetzt wird. So entsteht der Eindruck, dass diese Szenen wichtiger für das Spiel waren als so manche Kombination.

Ganz deutlich wird dies, wenn der Schiedsrichter mit seiner Spraydose hantiert. Dann wird durch die Bildsprache der Eindruck vermittelt, der 9,15-Meter-Abstand bei Freistößen sei eines der wichtigsten Merkmale des Fußballs, seine Nichteinhaltung eines seiner drängendsten Probleme. Der Spraydosenstrich, der da gemacht wird, enthält vor allem die visuelle Botschaft, dass die Fifa alle Probleme im Griff hat und es, mithilfe des Fernsehens, allen zeigen kann. Dass es komponierte Bildserien sind, wird gar nicht mehr thematisiert.

Die Kommentatoren sehen ein anderes Spiel

Das wirkt umso stärker, wenn man die Weltregie verlässt. Die Fernsehanstalten reicherer Länder sind schon vor Jahren dazu übergegangen, das Weltbild mit national produzierten Bildern zu mischen. Dann sehen wir etwa eine jubelnde Kanzlerin oder einen mit seinem Co-Trainer diskutierenden Jogi Löw, was das brasilianische oder argentinische oder niederländische Publikum nicht so interessieren dürfte. Wir sehen aber auch Fouls an deutschen Spielern – und wie sie danach leiden – wesentlich häufiger und eindringlicher. Ähnliches gilt für Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, etwa bei einem wegen Abseits abgepfiffenen Angriff. So sind es die Bilder, die dabei helfen, einen länderspezifischen Blick aufs Fußballspiel zu produzieren.

Weil wir ungeübt und unwillig sind, den Fernsehfußball einer Kritik der Bilder zu unterziehen, findet TV-Kritik fast nur als Kommentatorenkritik statt. Die Réthys und Simons reden Blödsinn, die Poschmanns und Gottlobs haben keine Ahnung, die Schmidts und Bartels haben wohl ein anderes Spiel gesehen.

Die Kommentatoren im Stadion haben, anders übrigens als die Experten Mehmet Scholl und Oliver Kahn, die auf einem Hoteldach in Rio stehen, tatsächlich ein anderes Spiel gesehen, nämlich das Spiel im Stadion, unterstützt von den Bildern auf ihrem Monitor. Weil wir aber nur einen Teil gesehen haben, besagte enge Bildauswahl, können wir leider gar nicht beurteilen, ob die Leute am Mikrofon wirklich Unfug reden.