Manuel Neuer und Benedikt Höwedes nach dem Sieg im WM-Finale © Julian Finney/Getty Images

Manuel Neuers beseeltes Lächeln überstrahlt alles: die Jubelschreie, die Autohupen, sogar die Schiffssirenen im Hamburger Hafen. Es hat sich niedergelassen auf müden Morgengesichtern in der S-Bahn, beim Bauarbeiter, der im Fan-Trikot schon wieder eine Schweißnaht setzt, auf Bürofluren und hinter Ladentischen. Sogar auf die faltigen Züge des Bundespräsidenten ist es übergesprungen.

Ein Hoch auf uns.

Aber warum eigentlich? Was haben die Weltmeisterschaft, dieses Spiel in Rio de Janeiro und sein Ergebnis mit uns Zuschauern zu tun? Eigentlich nichts. Sieben Mal haben wir vor dem Fernseher mitgefiebert. Aber gespielt, gearbeitet, gekämpft, sich geschunden haben 23 Spieler und ihre Trainer. Sie haben gewonnen. Sie sind Weltmeister. Wir nicht. Eigentlich.

Doch so funktioniert Fußball natürlich nicht. Große Turniere haben immer ein identitätsstiftendes Moment. Es ist wie nach einem berührenden Kinofilm. Wenn man aus dem Halbdunkel des Filmsaals ins Licht des Alltags tritt, ist man immer noch derselbe Mensch wie vorher. Trotzdem fühlt es sich anders an. Was wir sahen, hält uns fest und manchmal wirkt es fort.

So war es 1954, als die Deutschen auch mithilfe des identitätsstiftenden Fußballsiegs den Weg zurück in die Staatengemeinschaft fanden. So war es, als sie 2006 lernten, dass Fahnenschwenken nichts Nationalistisches an sich haben muss.

Stärke ohne Arroganz

Und Brasilien 2014? Da waren Deutsche zu sehen, die sehr selbstbewusst auftreten können, ohne überheblich zu werden. Die sich der eigenen Stärke bewusst sind, aber jeder Arroganz abhold.

Das verbindet diese Mannschaft mit ihrem Land. Es ist ja kein Zufall, dass Deutschland wirtschaftlich so gut dasteht. Das Land hat in den vergangenen 15 Jahren eine innere Lähmung überwunden und gelernt, dass geschicktes Reformieren zum Erfolg führt – angefangen von der von Arbeitnehmern geübten Lohnzurückhaltung, als die Politik sich an Reformen noch gar nicht heranwagen wollte, bis hin zur Agenda 2010. Nun kommt der Mindestlohn, was zweierlei belegt: Gutes Reformieren bedeutet immer, geschickt auf die jeweiligen Bedingungen der Zeit einzugehen. Und es verlangt, alte Ideologien zu überwinden.

Der Deutsche Fußballbund hat das ebenfalls gelernt, seit Jürgen Klinsmann und Joachim Löw die Nationalmannschaft übernahmen. Längst tritt die Mannschaft nicht mehr so ungestüm auf wie zur Weltmeisterschaft 2006. In Brasilien strahlte die Elf Wärme und Natürlichkeit aus, ging zugleich aber professionell an ihre Aufgabe heran. Vernunft siegte über emotionale Aufladung, mit der etwa Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari seine Mannschaft vorantrieb. Das war nicht immer schön, aber es war wirkungsvoll. Keiner hat das so klar zum Ausdruck gebracht wie Per Mertesacker in seinem viel besprochenen ZDF-Interview.

Reif, abgeklärt, flexibel

Es ist diese Haltung, in der sich die Nationalspieler und die Deutschen begegnen. Reif, abgeklärt, flexibel. In Berlin würde man sagen: Realpolitiker, die wissen, was sie erreichen wollen. Und dass sie es erreichen können.

In Letzterem ist die Nationalelf den Deutschen sogar voraus. Den aufgeregten Debatten über die Euro- und Europapolitik, über den Umgang mit Russland oder die Auslandseinsätze der Bundeswehr fehlt manchmal das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wer sich dagegen bewusst macht, was er kann, und dann wie diese Spieler handelt, wird seine Fähigkeiten nicht leichtfertig einsetzen, sondern professionell.

Was wir noch von dieser Mannschaft lernen, ist: keine Häme. Man kann sich über den eigenen Erfolg freuen, ohne auf andere herabzusehen, wie nach dem Brasilien-Spiel. Und Fairness führt zum Sieg, denn sie macht unangreifbar. Schließlich: Schluss mit manch liebgewordener Verzagtheit. Nicht alles läuft nach Plan. Zum Beispiel fällt Khedira im Finale aus. Aber Möglichkeiten gibt es immer.