Kurz vor Abpfiff verlor der entkräftete Bastian Schweinsteiger den Ball im Mittelkreis. Die Bahn schien wieder mal frei für Algerien. Doch Manuel Neuer sah das Unglück längst kommen. Er rannte schon. Er rannte und grätschte den Stürmer Islam Slimani ab, mehr als dreißig Meter vor seinem Tor. Eigentlich eine spektakuläre Tat, doch im Stadion hörte man nur kurzes Raunen. Gewundert hat sich zu diesem Zeitpunkt niemand mehr.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Zuschauer bereits daran gewöhnt, dass der deutsche Tormann ein fünfter Verteidiger ist und die vielen Lücken schließt, die ihm seine vier Nebenmänner lassen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Zuschauer daran gewöhnt, dass er die Sicherheit seines Tors weit davon entfernt verteidigt – an der Eckfahne, nahe der Mittellinie oder zur Not auch am Hindukusch.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Neuer das Torwartspiel bereits verändert.

Man soll ja vorsichtig sein mit solchen Prognosen. Aber Neuer dürfte beim deutschen Sieg gegen Algerien ein epochales Spiel geboten haben, das künftige Generationen beeinflussen wird. Kinder, die das Spiel gesehen haben, wollen ab sofort Tormann werden – und zwar so wie Neuer. 

Man muss sich jetzt einen neuen Begriff für Tormann ausdenken

Dass Neuer, der weltbeste seines Fachs, seiner Elf bei der WM in Brasilien ein Spiel gewinnen würde, war zu erwarten. Doch auf welch beispiellose Art konnte wohl keiner ahnen. Er tat es fast gar nicht mit den Händen, denn wo er es tat, darf er sie gar nicht benutzen. Neuer gewann als Ausputzer vor dem Strafraum, als Manuel, der Libero. Vielleicht muss man sich nach diesem Spiel sogar einen neuen Begriff für Tormann ausdenken.

Neuers erste Aktion: Die deutsche Abwehr passte nicht auf, ein Pass erreichte den rechten algerischen Flügel. Neuer rannte raus und tackelte Islam Slimani so riskant und gleichzeitig so geschickt, wie es die anderen Abwehrspieler an diesem Tag kaum vermochten. "Wie schnell dieser Neuer ist", sagte der Debütant Christoph Kramer über diese Szene, "ich wäre da nicht mehr hinterhergekommen".

Kurz darauf verlor Per Mertesacker die Übersicht, spielte den Ball in die falsche Richtung. Neuer stürmte raus und klärte gegen Sofiane Feghouli zum Einwurf, wieder deutlich außerhalb des Strafraums. Dann benutzte er doch mal seine Hände, kurz vor der Strafraumgrenze faustete er einen hohen Ball weg. Das Publikum johlte, staunte, klatschte, lachte, weil es sehr oft ein verwaistes deutsches Tor sah. Es gab noch mehr Beispiele für Neuers Erweiterung seiner Kampfzone.

Dass der moderne Torwart nicht mehr auf der Linie klebt, weiß man selbst im traditionsverliebten Deutschland schon ein paar Jahre. Dass einer aber fast das gesamte Abwehrdrittel abdeckt, wie Neuer an diesem Tag, ist neu. Seine Heatmap belegt seine Spuren. Das ist eine Art Landkarte, die zeigt, in welchen Regionen ein Spieler besonders aktiv war. Für Tormänner ist sie eigentlich unwichtig, doch Neuer ist neue Wege gegangen, neue Wege gerannt.