Doch es gibt einen wichtigen Grund, warum Löw das macht: Er scheint zu erkennen, dass die Innenverteidigung Verstärkung braucht. Per Mertesacker ist ein erfahrener Nationalspieler. Aber vor allem gegen Algerien fiel auf, dass er kein Tempo hat. Die Algerier schafften es mehrfach, mit einem einfachen langen Pass hinter die deutsche Abwehr zu kommen. Als Manuel Neuer in der ersten Halbzeit an der Eckfahne klärte, stand Mertesacker weit weg von der Gefahrenzone.

Die Abwehr hatte gegen Algerien auch Probleme, weil Mats Hummels fehlte und Boateng eine Zeit lang für die Umstellung benötigte. Hummels ist der bessere und schnellere der beiden Innenverteidiger. Allerdings hat er eine Vergangenheit: Bei der EM 2012 verließ er gegen Italien und Holland seine Position und verantwortete je ein Gegentor. Das passierte Hummels bei diesem noch Turnier nicht, doch fehlerfrei ist er auch diesmal nicht. Man muss ein bisschen ausholen, um das zu belegen. Es geht um eine der prägenden Szenen des deutschen Turniers: das 1:2 gegen Ghana.

Lahm spielte im Mittelfeld einen ungenauen, zu riskanten Pass auf Khedira. Der hatte es versäumt, sich freizulaufen, ging dann dem Ball nicht entgegen. Und die beiden Innenverteidiger öffneten trotz einer 2:1-Überzahl den Passweg zum Stürmer. Hummels versäumte es einen Moment, seine Position einzunehmen, ließ eine Lücke entstehen. Und beim Pass des Angreifers traf er die falsche Entscheidung: Er grätschte ins Leere, statt zurückzulaufen. Mertesacker stand sogar zunächst beim Torschützen, rückte im entscheidenden Moment jedoch von ihm weg. Dann fiel das Gegentor. Und in Deutschland hieß es nur: großer Fehler von Lahm. Doch andere hätten ihn noch ausbügeln können.

Der Bundestrainer möchte zu Recht die Defensive stärken

Andere Beispiele für die Defizite deutscher Abwehrkraft: Boateng ist zwar schnell und geht dahin, wo ein Verteidiger riskiert, schlecht auszusehen. Ihm unterlaufen aber Flüchtigkeitsfehler. Und bei der Flanke zum 1:1 Ghanas machte Mertesacker eine Bewegung, als wollte er zum Kopfball steigen. Doch dann duckte er sich. Das irritierte Mustafi, der hinter ihm stand und seinen Gegenspieler einköpfen lassen musste. Das klingt detailversessen, aber Ducken, Vorbeigrätschen, Passwegöffnen sind ungewöhnliche Fehler bei einer Weltmeisterschaft. 

Daher ist es eine pragmatische Entscheidung des Ästheten Löw, die Defensive zu stärken. Und im Großen und Ganzen haut's hin: Boateng war außen sehr verlässlich. Mustafi, Deutschlands wohl schnellster Spieler, war nicht so katastrophal, wie viele sagen. Und Höwedes ist schwer auszuspielen, dazu hilft er der Innenverteidigung bei langen Pässen, etwa gegen die USA. Außerdem ist die deutsche Elf bei Ecken und Freistößen stark wie lange nicht. Siehe das Tor zum 2:2 gegen Ghana und das 1:0 gegen die USA.

Was also kann man Löw noch vorwerfen? Wäre Kevin Großkreutz ein Außenverteidiger für die Startelf? Mag sein. Er ist ein Kämpfer, hat Erfahrung in der Champions League, ist offensiv zu gebrauchen. Aber auch ihm unterlief ein grober Fehler. Beim Testspiel gegen das zweitklassige Armenien verursachte er ungelenk einen Elfmeter. Es war nur eine Szene, aber solche lassen Trainer schlecht träumen.

Man sieht es bei dieser WM: Deutschland fehlen Abwehrspieler auf allerhöchstem Niveau, das gilt auch fürs defensive Mittelfeld. Löw muss mit diesem Mangel leben. Und man darf nicht vergessen: Er musste vier Mal wegen Verletzungen oder Krankheit in der Abwehr umstellen.

Löw hat fast alles richtig gemacht

Im Interview in der aktuellen Ausgabe der ZEIT sagt Löw: "Ich habe meine Entscheidungen getroffen – auch was die Rolle von Philipp Lahm betrifft. Und dazu stehe ich bis zum Schluss." Die Art der öffentlichen Kritik an Özil sei für ihn "genauso unverständlich wie jene an Lahm. Man kann berechtigte Fragen an Löw stellen, etwa: Ist Özil, dessen geniale Momente auf sich warten lassen, streng genug geführt? Warum hatte er Mustafi, der drei der ersten vier Spiele gemacht hat, vor der WM erst aussortiert? Wieso hat er gegen Algerien vorne attackieren lassen, obwohl er um die Gefahr von Kontern wissen konnte? Und: Gab es keinen anderen Mustafi-Ersatz als Lahm? 

Aber selbst diese offenen Fragen täuschen nicht darüber hinweg, dass Löw bisher fast alles richtig macht. Seine Wechsel gingen bislang auf. Und das Gerüst seiner Mannschaft steht. Die Säulen sind, mit abnehmender Bedeutung, Lahm, Neuer, Müller, Kroos, Özil, die vier Innenverteidiger, Schweinsteiger oder Khedira, plus Schürrle oder einen anderen Offensiven, dazu Klose als Joker. Das ist Löws pragmatischer Plan, nun kommt es auf sein Coaching und seine Feinjustierung an. Eine Garantie für den Titel ist er nicht, aber er bietet die größte Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Löw sollte an ihm festhalten.

Das aktuelle Interview mit Joachim Löw lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die in der ZEIT-App für iPad, iPhone und Android-Tablet, sowie im PDF und in der gedruckten Ausgabe erhältlich ist.