Vor dem Spiel hatte Neymar noch mal getwittert. "Möge der Herr uns segnen und beschützen." Der Herr wollte nicht, zumindest nicht ihn, nicht an diesem Tag. Kurz vor dem Ende des Viertelfinales gegen Kolumbien sprang ein Gegenspieler Neymar in den Rücken. Neymar blieb liegen, wurde vom Platz getragen, schluchzte noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Eine Stunde nach dem Spiel kam die Nachricht: Wirbelbruch. Für Neymar ist die WM vorbei.

Ausgerechnet Neymar. Brasiliens Superstar, Posterboy, Ideenhaber, Dribbelheld, Nationalhero, neuer Pelé und Werbemeister. Ohne Neymar ist diese Mannschaft kaum vorstellbar. Ohne Neymar ist diese WM eigentlich kaum vorstellbar. Er wurde dazu auserkoren, Brasilien zum Titel im eigenen Land zu führen. Ein schmächtiger 22-Jähriger, der gerne tanzt, auch neben dem Feld. Der Stürmer Fred sagte kürzlich, die Mannschaft gebe einfach ihm den Ball und erwarte großartige Dinge.

Neymars Ausfall ist ungefähr so, als würden beim DFB-Team Neuer, Lahm, Hummels, Boateng, Höwedes, Schweinsteiger, Khedira, Kroos, Özil, Müller und Klose nicht mitmachen können.

Als die Nachricht von der Verletzung bekannt wurde, war es sofort vorbei mit der Feierstimmung in Brasilien. Es gab ja eigentlich einen Halbfinaleinzug zu begießen, die Leute sangen auf den Straßen und tröteten und hupten, doch von einer Minute auf die andere war die Party vorüber. Die Feuerwerke, die sonst bis in die Nacht in den Straßen scheppern, verstummten. Das brasilianische Fernsehen zeigte Bilder, wie Neymar auf einer Trage aus dem Krankenhaus in Fortaleza geschafft wurde. Jemand hatte ihm eine Decke mit der Aufschrift "Emergencia" übergeworfen, übers Gesicht hielt er ein Handtuch, um seine Tränen zu verbergen. Eigens einbestellte Mediziner hielten künstliche Wirbelsäulen in TV-Kameras. Anderswo wurde Neymars Röntgenbild öffentlich besprochen. Selbst die Staatspräsidentin Dilma Rousseff kondolierte.

Neymars Ausfall ist deshalb so tragisch, weil der Junge eben keiner dieser vermeintlichen Überstars ist, die an jeder Litfaßsäule kleben, ihre besten WM-Auftritte aber am Strand haben. Schönen Gruß an dieser Stelle an Mario Götze. Während andere im Team der Brasilianer die Verantwortung einer Heim-WM wenig beachteten, nahm Neymar die Aufgabe an. Er war der fußballerische Lichtblick in einer biederen brasilianischen Mannschaft. In der Vorrunde brachte er sein verunsichertes Team mit vier Toren fast alleine durch. Im Achtelfinale gegen Chile steckte er 120 Minuten lang üble Tritte ein, schritt später als letzter brasilianischer Elfmeter-Schütze an den Punkt und verwandelte wie ein alter Recke. Die WM war auf dem besten Weg, tatsächlich Neymars WM zu werden.

Nun ist der Weg für Neymar erst einmal zu Ende. Für jeden Fußballfan eigentlich eine traurige Sache, weil das Turnier mit einem Tritt viel seines Charmes verloren hat. Das werden auch die deutschen Fans so sehen, aber insgeheim natürlich doch hoffen, dass Neymars Ausfall den Halbfinalgegner aus Brasilien entscheidend schwächt.

Doch so einfach ist die Rechnung nicht. Ausgerechnet gegen Kolumbien war Neymar gar nicht so gut. Tatsächlich machte er sein schlechtestes Spiel seit Langem. Gewonnen hat die Seleção es dennoch. Das brasilianische Team gehört wohl zu den fußballerisch limitiertesten, die seit Langem das gelbe Trikot getragen haben. Dafür hat es Herz und Leidenschaft für zehn Mannschaften. Das könnte eine Botschaft für das Halbfinale sein: Wir spielen eh nicht so schön, aber das jetzt noch besser.

Vor allem aber ist das Müssen weg. Nach dem Ausfall ihres Stars müssen die Brasilianer erst mal gar nichts mehr. Favorit sind ohne Neymar automatisch die Deutschen. Die Brasilianer können zum ersten Mal ohne diesen Druck auflaufen, den sie schon seit Wochen durch das Turnier schleppen. Während und nach dem Achtelfinale gegen Chile heulte die halbe Mannschaft wie ein Rudel Schlosshunde. Ihr Trainer Luiz Felipe Scolari bestellte eine Psychologin ein, als er sah, was an diesem Tag mit seinen Spielern so los war.

Der Druck ist nun weg, jetzt können andere glänzen: Der verrückte Verteidiger David Luiz etwa, der hinten alles abräumt und gegen Kolumbien einen Freistoß mit unfassbarer Schusstechnik in den Torwinkel setzte, ehe er wie von Sinnen über den Platz jubelte. Oder Hulk, der gegen Kolumbien zum ersten Mal seinem Spitznamen ein wenig gerecht wurde, weil er eine Schneise nach der anderen in den Gegner lief. Wer aber ebenfalls fehlt: Brasiliens Kapitän Thiago Silva, nach Neymar zweitwichtigster Mann, muss wegen einer dämlichen Gelben Karte gegen Deutschland ebenfalls zuschauen. Er wird wohl von Dante ersetzt, dem bajuwarischen Brasilianer. Sein erster WM-Auftritt, und dann gleich das Halbfinale gegen Deutschland.

Die Zuschauer, auch das ist sicher, werden noch mal eins drauflegen. Ohne Neymar werden sie sich noch mehr gefordert fühlen, werden noch lauter kreischen als bisher, was gar nicht so einfach ist.

In einer Blitzumfrage auf der Seite von O Globo meinten 73 Prozent der Brasilianer, dass ihre Mannschaft den WM-Titel holen werde. Auch ohne Neymar. Jetzt erst recht.