Mehmet Scholl hat ja Recht. Diese WM ist die Härte. Nach dem Foul gegen Neymar schimpfte er in der ARD über die Ruppigkeit dieses Turniers, vor allem aber über die Schiedsrichter, die einfach zuschauen würden: "Das kommt dabei raus, wenn die Schiedsrichter nicht in der Lage sind oder die Vorgabe haben, brutale Fouls nicht zu stoppen", sagte er. Die Spieler würden gejagt und gedemütigt, das sei nicht mehr seine Sportart.

Urs Meier, ehemaliger WM-Schiedsrichter geht noch weiter, er schreibt auf Focus Online, die Fifa habe Neymars Verletzung mit zu verantworten. Er suggeriert eine offizielle Linie des Fußball-Weltverbandes, an die die Schiedsrichter sich zu halten hätten. Sie lautet: Vorsicht mit Gelben Karten. "Die WM verkommt zu einem Treter-Festival. Die Leute wollen ein Spektakel, aber wo sind die Grenzen?", fragt er. Es klingt, als habe die Fifa durch ihren Schiedsrichter die Brasilianer benachteiligt.

Was stimmt: Diese WM ist sehr körperlich. Es ist ein Turnier der Kraft und Wucht, der Physis. Auch der unfairen Physis. Insbesondere die süd- und mittelamerikanischen Teams sowie einige Mannschaften aus Afrika versuchten mangelnde technische Fähigkeiten durch beherztes Zutreten zu kompensieren. Die Partie Brasilien gegen Kolumbien, während der Neymar vom Platz getragen wurde, war das härteste Spiel der WM: 54 Fouls und nur vier Gelbe Karten. Laut offizieller Statistik gibt es bei dem Turnier in Brasilien im Schnitt 0,2 Platzverweise und 2,7 Verwarnungen pro Spiel. Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika waren es pro Match noch 0,3 Platzverweise und 3,8 Verwarnungen. Obwohl die Spiele vom bloßen Eindruck her eher unfairer geworden sind, steigen die Verwarnungen der Schiris nicht. Das passt zum Urteil von Scholl und Meier.

Was aber falsch wäre: Das Foul an Neymar mit den Brutalitäten und Tätlichkeiten dieser WM in eine Reihe zu stellen. Mit dem Biss von Louis Suárez oder dem Ellenbogenschlag von Frankreichs Sakho. Der Kolumbianer Juan Zúñiga, der mittlerweile Morddrohungen erhalten hat, schaute in dem folgenschweren Zweikampf nur auf den Ball. Seine Aktion wirkte eher ungeschickt als vorsätzlich.

Und so leicht es ist, sich im Angesicht des schlimmen Fouls aufzuregen: Für die Fifa ist die Situation nicht einfach. Lässt sie und ihre Schiedsrichter zu viel durchgehen, bekommen die Stars pro Turnier viele, viele Tritte ab. Neymar bekam das vom ersten Spiel an zu spüren, er stand immer wieder auf, bis zum späten Freitagabend. Die entscheidenden Spiele ohne die entscheidenden Akteure, das kann auch der spektakelsüchtigen Fifa nicht gefallen.

Greifen die Unparteiischen jedoch zu hart durch, setzt sich der Weltverband dem Vorwurf aus, er würde seine Posterboys, die ihm das Geld verdienen, meist sind das Offensive, besonders schützen und bevorzugt behandeln. Dann würden die Abwehrspieler protestieren und fragen, wieso jeder harte Defensivzweikampf sofort unter Generalverdacht stehe, während die Künstler machen können, was sie wollen.

Es gibt gar Stimmen, die der brasilianischen Elf eine Mitschuld an dem Aus von Neymar geben. Schließlich sind es die Brasilianer, die schon das ganze Turnier über mit Freude austeilen. Sie schubsen und treten, laufen dem Gegner in die Hacken oder lassen ihn stolpern. Gegen Kolumbien foulten sie häufiger als der Gegner, 31 Mal. Allein David Luiz bearbeitete Kolumbiens Star James Rodríguez so beharrlich wie einen wandelnden Sandsack, ehe er nach Abpfiff dessen Tränen trocknete.

Mit ihrer Aggressivität, schreibt etwa die New York Times, schufen die Brasilianer "die Umgebung der Gesetzeslosigkeit, die dazu führte, dass Neymar verprügelt wurde". Die Brasilianer waren schon beim Confed-Cup im vergangenen Jahr die Meister des taktischen Fouls. Sie beherrschten diese Spielart so gut, dass Deutschlands Chefscout Urs Siegenthaler vor der WM warnte, wenn die Schiedsrichter bei der WM nicht genau hinschauen würden, sei der Pokal schon vergeben.

Die Vorwürfe, die Fifa bevorteile die Brasilianer, gehen sogar noch weiter: Diese Schiedsrichterleistung gegen Kolumbien gehöre gar zu dem Geheimplan des Weltverbands Fifa, Brasilien ins Halbfinale zu bringen. Das behauptete ein argentinischer Fußballexperte namens Diego Armando Maradona. Zumindest ihm dürften viele Brasilianer widersprechen. Für die Aktion gegen Neymar gab es noch nicht mal eine Gelbe Karte.