Von links und rechts klopfen ihm die Menschen auf die Schultern. Wie ein Boxer auf dem Weg in den Ring steigt er die Treppe zur Ehrentribüne hinauf. Dabei hat er den Kampf schon hinter sich. Sein Gesicht sieht noch ausgezehrter aus als sonst, unter dem rechten Auge trocknet das Blut der Platzwunde. Es ist kein Zufall, dass er vorangeht, gefolgt von seiner Mannschaft.

Dann: Der Pokal, Konfetti, Feuerwerk, Tränen, Weltmeister, mehr geht nicht.  

107 Spiele hatte Bastian Schweinsteiger im Hemd der deutschen Nationalelf absolviert, vor diesem WM-Finale. Das wichtigste Spiel seiner Karriere, das 108., war das beste Spiel seiner Karriere. Schweinsteiger war bei dem historischen, dramatischen und faszinierenden Sieg über Argentinien der Boss auf dem Feld. Er strukturierte das deutsche Spiel, passte, wenn es sinnvoll, grätschte, wenn es nötig war. Und wenn ihm etwas nicht gefiel, haute er dazwischen.

Wie ein Untoter

Mario Götze wurde von den Zuschauern wegen seines Tores in der Verlängerung zwar zum Man of the Match gewählt. Unsterblich wurde in diesem Spiel aber vor allem Bastian Schweinsteiger.

Das kann man sogar wörtlich nehmen. Was musste er an diesem Abend nicht alles einstecken? Es gab wohl keinen Quadratzentimeter Schweinsteiger-Körper, der nicht von den Argentiniern malträtiert wurde. Wie ein Untoter stand Schweinsteiger immer wieder auf und schritt weiter durchs Mittelfeld. In der Verlängerung musste er sich immer wieder dehnen, um die Krämpfe aus den müden Beinen zu schütteln. 15,3 Kilometer lief er an diesem Abend, so viel wie kein anderer Deutscher.

In Erinnerung wird vor allem die 109. Minute bleiben, als ihn Agüero einen Ellenbogen ins Gesicht schlug. Während ihm das Blut über die Wange lief, richtete Schweinsteiger sich auf. Statt zu lamentieren, schaute er die Argentinier nur finster an. Auge um Auge, Zahn um Zahn, Platzwunde um Platzwunde, das war die Botschaft.

Wenn er sich irgendwo reinbeißen kann, mit Blut im Gesicht und Grasflecken am Hosenboden, dann ist das sein Spiel. Deshalb war dieses Finale wie gemacht für Schweinsteiger. Die Argentinier spielten im Mittelfeld vor allem mit ihren Körpern. Er mag das. Vor allem in den Duellen gegen den vorzüglichen, aber unbarmherzigen argentinischen Waldschrat Javier Mascherano ließ er keinen Kampf aus.

Über 15 Kilometer Laufweg, Alkohol, Fotosessions mit Podolski

Schweinsteiger sah danach unendlich müde aus und man wusste nicht so recht, ob es an den 15,3 Kilometern lag, dem Alkohol, den es gleich nach Abpfiff in der Kabine sicherlich schon gab oder den Fotosessions mit Lukas Podolski, Angela Merkel oder Joachim Gauck, die er über sich ergehen lassen musste. "Ich bin leer. Ich muss ein bisschen genießen, obwohl ich weiß, es wird sehr, sehr hart werden", sagte er und redete dabei wohlgemerkt über die Feiernacht und nicht über ein anstehendes Rückspiel gegen Argentinien.

Wer nur ab und zu mal Fußball guckt, wird sich spätestens da gewundert haben. Schweinsteiger, das ist doch der Schweini, der Kumpel von Poldi, die zusammen Joachim Löw täglich Zahnpasta unter die Türklinke schmieren? Wer öfter Fußball guckt, weiß, dass das lange her ist. Lukas Podolski ist immer noch für die ein oder andere Schote gut, Bastian Schweinsteiger ist zum elder statesman der Nationalelf geworden, die Schläfen sind grau, sein Spiel erhaben.