"Hadi Hadi Hadi Hadi Ho." So spritzig geht es los, dann ein Vereinsname nach Wahl und ein "Hurensöhne" hinterher. Fertig ist ein durchschnittlicher deutscher Fußballfansong, den selbst Bastian Schweinsteiger im betüdelten Zustand noch unfallfrei über die Kämpferlippen bringt

Dabei ist es zweitrangig, dass in dem Liedchen anderer Leute Familienmitglieder verunglimpft werden oder Schweinsteiger die Dortmunder anscheinend doch nicht mag, obwohl er während der WM immer wieder gesagt hat, wie sehr ihm der Kevin Großkreutz ans Herz gewachsen ist. Das wirklich Öde an Schweinsteigers Darbietung ist, dass sie eines zeigt: Wie einfältig deutsches Stadionliedgut ist.

Beim WM-Finale war das besonders gut herauszuhören, weil sich im Maracanã drei Gesangskulturen die Ränge teilten. Die Argentinier haben eigens für die WM den Hit Bad Moon Rising von Creedence Clearwater Revival umgedichtet, den sie auch rund um die Uhr sangen. Am Strand, im Stadion, sogar in einem brasilianischen Einkaufszentrum kam der argentinische Flashmob gar nicht mehr runter von seinem vielversigen Brasilien-Schmäh, der damit endete, dass Maradona größer als Pelé ist. Die Brasilianer konterten mit einer Hymne auf ihren König des Fußballs, der als einziger tausend Tore geschossen hatte und überhaupt ist Maradona ein Kokser. Dazwischen saßen die deutschen Fans und riefen: "Deutschland, Deutschland".

Nun besteht immer die Gefahr, fremdländische Dichtungen zu romantisieren. Vielleicht kennen die Argentinier ja nur dieses eine Lied, vielleicht hört sich das bei den Engländern nur so gut an, weil sie so laut brüllen, vielleicht ist der brasilianische WM-Klassiker Eu sou brasileiro für einen Brasilianer völlig banal. Doch das Gefühl bleibt: Ginge es nach der Kreativität ihrer Fangesänge, wäre die deutsche Mannschaft in der Vorrunde ausgeschieden.

Wenn sie gut drauf waren, gab es von den teutonischen Fans mal ein "Super, Deutschland", je nach Spielstand auch ein "Sieg". Auch die offensichtlichen "Hurra, hurra, die Deutschen, die sind da" waren zu vernehmen. Oder das affirmative Steht auf, wenn ihr Deutsche seid!, wobei die meisten südamerikanischen Zuschauer sitzen blieben oder noch eine Cola holen gingen. 

Der Grusel-Schlager Mexiko von den Böhsen Onkelz, der die deutsche Elf seit 1986 begleitet, scheint in der brasilianischen Sonne verglüht zu sein. Er war nur vereinzelt zu hören, auch weil im deutschen Block eher Touristen statt Althoolssaßen. Am kreativsten war noch das kichernde Ihr seid nur ein Karnevalsverein während des 7:1 gegen Brasilien. Und, sorry, der Gaucho-Tanz, der von den Fans schon während des Turniers auf so gut wie jedes besiegte Team angewandt wurde.

Aber woher soll's auch kommen? In der Bundesliga geht es zwar stimmungsvoll und laut zu, überkomplex sind die meisten Gesänge aber nicht. Es wird geschalalaht, geoléolét und gehadihoht, was die Stimmbänder hergeben. Auch hier haben sich das universell einsetzbare Sieg, das Auf geht’s, (Verein ihrer Wahl), schießt ein Tor und Hier regiert der (Verein ihrer Wahl) gesungen. Ein Von der Elbe bis zur Isar, immer wieder (Verein ihrer Wahl) geht schon als schöpferischer Höhepunkt durch. 

Klar, es geht nicht nur um Kreativität, sondern es sollen möglichst viele mitmachen, aber ein bissl mehr darf's doch schon sein im Land der Dichter und (Fahnen-) Schwenker. Anderswo geht es doch auch. Vor allem die englischen Fans tun sich seit Jahren hervor. Da werden Popsongs fürs Stadion umgedichtet, kaum dass sie veröffentlicht sind. Hier und hier sind einige Songs nett zusammengefasst. Ein Klassiker ist schon jetzt die Anti-Hommage an den ehemaligen Liverpool-Stürmer Luis Suárez. "Your teeth are offside" sangen die gegnerischen Fans wegen seines bemerkenswerten Oberkiefers. Sie sangen das schon, bevor er zubiss. Später reimten sie schnell auch "He bites, who he wants" dazu, in Anlehnung an das He scores, when he wants, mit dem englische Fans sonst ihre Torjäger feiern.

Allein die Ultras bringen etwas Komplexität in deutsche Stadien. Beeinflusst von ihren südeuropäischen und südamerikanischen Kollegen hat sich kreativeres Liedgut in den deutschen Kurven festgesetzt. Etwa das Wir sind immer für euch da, das seinen Ursprung in Argentinien hat. Gesamtstadiontauglich ist so etwas aber nicht. Spontan wohl auch nicht. Eine der wenigen Ausnahmen sind die Freiburger Fans, die ihren abgewanderten Stürmer Mo Idrissou, der sich zu vermeintlich Höherem berufen sah und auf die Nase fiel, einen eigenen Song hinterherriefen, vielleicht den einfallsreichsten, den es gab in letzter Zeit:

2007 wurde das Schlumpflied der Fans des 1. FSV Mainz 05 von der Deutschen Akademie für Fußballkultur als Fangesang des Jahres ausgezeichnet. Als Preis gab es 500 Liter Bier. Seitdem gab es seitens der Akademie keine weiteren Verleihungen. Warum nur?