ZEIT ONLINE: Herr Kittel, erzählen Sie mal: Wie ist das so, auf der Champs-Élysées als Erster über die Ziellinie zu fahren.

Marcel Kittel: Das ist ein geiles Gefühl. Es ist ja gerade für mich als Sprinter ein Traum, dort zu gewinnen. Wenn man merkt, jetzt reichts, jetzt schaff ichs, jetzt kann ich das Ding gewinnen, ist das Wahnsinn.

ZEIT ONLINE: Das war einer von vier Etappensiegen für Sie. Überhaupt waren die deutschen Fahrer mit sieben gewonnenen Etappen so erfolgreich wie sehr lange nicht mehr. Wie kommt das?

Kittel: Es kommt auf jeden Fall nicht von heute auf morgen. Es spricht für die Qualität, die wir wieder im Lande haben. Gerade bei den jungen Fahrern.

ZEIT ONLINE: Ist es blöd für Sie, dass viele Deutsche davon gar nicht so viel mitbekommen haben, weil sich ARD und ZDF wegen Dopings entschieden haben, die Tour de France nicht zu übertragen?

Kittel: Blöd trifft es ganz gut. Die Situation hat natürlich einen Grund. Ich kann das verstehen und gebe den beiden Sendern Recht. Im Moment sind wir aber an einem Punkt, an dem man darüber nachdenken sollte, den Fahrern wieder eine Chance zu geben, und die Veränderungen im Radsport anzuerkennen.

ZEIT ONLINE: Welche Veränderungen?

Kittel: Die Dopingskandale der Vergangenheit haben viel kaputtgemacht. Aber sie waren auch ein Anstoß, dieses alte System zu zerstören. Viele Leute sind verschwunden, längst noch nicht alle. Aber der Radsportweltverband hat sich gewandelt, der neue Präsident ist um einiges glaubwürdiger als der alte. Es sind viele junge, unbelastete Fahrer dabei. Ich würde nie behaupten, dass der Radsport hundertprozentig sauber ist, das werden wir wohl nie schaffen. Aber wenn im Moment etwas passiert, sind es Einzelfälle. Systematisches Teamdoping wie früher gibt es nicht mehr. Davon bin ich überzeugt.

ZEIT ONLINE: Nun wurde in den vergangenen Jahren öfter ein Neuanfang ausgerufen. Nach dem Festina-Skandal Ende der Neunziger zum Beispiel – acht Jahre später flog die Affäre um den Dopingarzt Eufemiano Fuentes auf. Im Rückblick war keine Radsport-Generation wirklich sauber. Warum sollte es ausgerechnet die aktuelle sein?

Kittel: Schauen wir doch mal zurück: Was hat sich nach dem Festina-Skandal wirklich geändert? Nicht viel. Das ganze System und die Personen sind gleich geblieben. Das ist der wesentliche Unterschied zu jetzt. Es sind andere Leute am Werk, es haben sich andere Philosophien entwickelt. Junge Fahrer sollen aufgebaut, entwickelt und nicht nur auf Erfolg getrimmt werden. Wir haben seit 2007 den Blutpass, es gibt mehr Kontrollen. Wenn man das mit anderen Sportarten vergleicht, sind wir unübertroffen. Das ist keine hundertprozentige Garantie, aber der Radsport versucht, so sauber wie möglich zu sein.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich benachteiligt? Im Biathlon oder in der Leichtathletik wird auch gedopt, trotzdem bleiben das mehr oder weniger beliebte TV-Sportarten.

Kittel: Ich möchte nicht auf andere Sportarten zeigen. Jeder halbwegs vernünftige Sportfan weiß, dass in jeder Sportart versucht wird zu betrügen. Wie generell in unserer Gesellschaft übrigens. Der Aufschrei ist aber bei anderen Sportarten bei Weitem nicht so groß wie bei uns. Da fehlt mir die Relation. Das ist schade.

ZEIT ONLINE: Wenn man den Gesamtsieger Vincenzo Nibali den Berg hochfliegen gesehen hat, erinnert seine Dominanz an beste Epo-Zeiten. Und dass er im Team Astana fährt, mit dem Dopingsünder Winokurow als Teamchef, ist auch keine vertrauensbildende Maßnahme.

Kittel: Ich kann beim besten Willen nicht einschätzen, was Nibali macht und was er nicht macht. Ich kann auch nur darauf vertrauen, dass er nichts genommen hat. Aber wir müssen uns auch ein wenig von dieser Illusion lösen: Nur weil jemand gewinnt, vielleicht auch deutlich, muss das nicht unbedingt ein Indiz für Doping sein. Die Situation mit Winokurow am Steuer von Astana ist aber nicht unbedingt vorteilhaft.

ZEIT ONLINE: Ärgert es Sie, wenn Sie Winokurow da rumlaufen sehen?

Kittel: Ja, das ärgert mich. Aber darauf habe ich keinen Einfluss. Auch wenn man bedenkt, mit welchem Background er dieses Team lenkt, das geht ja bis in die Regierungskreise von Kasachstan hinein.

ZEIT ONLINE: Auch Sie haben schon Dopinganschuldigungen hinter sich. Als wir zuletzt sprachen, vor gut zwei Jahren, standen Sie auf der Liste eines Erfurter Arztes, der unter anderem auch Ihr Blut mit UV-Licht bestrahlt hat. Nach langem Hin und Her hat der CAS entschieden, dass das kein Doping sei. Hat das etwas mit Ihnen gemacht?

Kittel: Für mich war das emotional eine unheimliche Belastung. Ich musste lernen, damit umzugehen, dass ich in diese Ecke gestellt werde, obwohl ich nur dem Arzt und den Verantwortlichen am Olympiastützpunkt vertraut habe. Ich war ja auch bei Weitem nicht der einzige, der betroffen war. Für mich persönlich war das eine harte Zeit und ich bin froh, dass letztlich klargestellt wurde, dass es weder Doping noch böser Wille war.