Wie lief das Spiel?

Vor diesem 64. und letzten Spiel der WM lag Deutschland ganze acht Minuten – gegen Ghana – in Rückstand, Argentinien noch gar nicht. Die Zuschauer im Maracanã und vor den TV-Geräten sahen, warum. Beide Mannschaften hatten sich und ihre Nerven unter Kontrolle. Argentinien war zunächst besser, weil offensiver als erwartet und sorgte für einen ersten Schockmoment, als Higuaín einen Fehler von Kroos nach 20 Minuten frei vor Neuer vergab. Höwedes machte es ihm in der Nachspielzeit der ersten Hälfte nach, als er einen Eckball unbedrängt aus wenigen Metern an den Pfosten köpfte.

Im zweiten Spielabschnitt wurde das Spiel fahriger. Chancen für Messi, der trotz des Ausfalls seines Adjutanten Ángel di María selten zu halten war, Chancen für Höwedes und Schürrle, sonst Neutralisation und somit folgerichtig Verlängerung. Dort fand Deutschland nebst einem Potpourri aus Blut und Wut, aus Kampf und Laktat auch die Kontrolle wieder. Argentinien stand tief und war kein Faktor mehr. Deutschlands Joker hingegen schon.

Was war die Szene des Spiels?


Gerd Müller, Helmuth Rahn, Andi Brehme – und nun Mario Götze: Der Joker schießt Deutschland zum vierten WM-Titel. Das dauerte bis zur 113. Minute: Schürrleflanke, Götzebrust, Götzelinke. Weltklasse. Und weltwichtig, wie das Spiel zwei deutsche Einwechsler entschieden, von denen einer nie so richtig drin zu sein schien, in dieser WM 2014.

Ist es ein gerechtes Ergebnis?

Higuaín, Messi, Palacio – alle standen sie frei vor Neuer und knickten vor seiner Aura ein. Vor Manuel Neuer stehen hatte bei diesem Turnier eben nur bedingt etwas mit Freiheit zu tun. Und wer diesen Typen im Kasten hat, im Mittelfeld hinlangt und wieder aufsteht wie Schweinsteiger, in der Defensive wacht wie Boateng und vorne bei den Ecken und Pässen hinschaut wie Kroos, der ist zu Recht Weltmeister.

Wer war der Spieler des Spiels?

Bastian Schweinsteiger ließ sich als Symbolfigur des deutschen Willens von den Argentiniern wie ein Sandsack behandeln, wichtiger für die deutsche Elf und ihren historischen Erfolg aber war Jérôme Boateng. Der Säulenheilige der deutschen Abwehr nahm dem ermatteten Hummels die Rolle des DFB-Quarterbacks ab. Er spielte sie besonnen wie in einem Testspiel, nicht hektisch wie in einem WM-Finale.

Boateng ruhte, blickte voraus, lief statt zu grätschen. Und wenn er doch mal in den Senkflug musste, überragte er wie in der ersten Minute der Nachspielzeit gegen den eigentlich ungrätschbaren Messi. Was sich über die WM-Wochen angebahnt hatte, kulminierte im Finale – Jérôme Boateng zählt zu den besten seiner Spezies.

Was bedeutet der Sieg für die Deutschen?

Den Weltmeistertitel – den vierten nach 1954, 1974 und 1990, den ersten einer europäischen Mannschaft auf amerikanischem Boden, den zweiten überhaupt erst außerhalb Europas. Er steht am Ende eines langen Wegs, der nach den miesen Fußballjahren um die Jahrtausendwende begann. Nach den deutschen Sommermärchentagen 2006 und den tänzelnden Deutschen 2010 in Südafrika wurde eine neue deutsche Fußballergeneration endgültig zur goldenen.

Diese Veredelung ist auch Joachim Löw zu verdanken. Der Bundestrainer hat sie sich verdient nach der Vize-Europameisterschaft 2008, zwei dritten Plätzen bei den vorigen Weltturnieren und dem Aus im EM-Halbfinale 2012. Löw hat diesen Erfolg mit einem Pragmatismus ermöglicht, den ihm keiner mehr zutraute. Er war nie larmoyant, weil ihm Spieler wie Reus, Gündoğan oder Gomez fehlten, er stabilisierte nüchtern den immer noch erlesenen, aber durchaus brüchigen Kader. Löw hat die Mannschaft nicht seinem Ideal, sondern den Bedingungen angepasst. Er hat sich selbst korrigiert, wie es große Trainer machen. 

Was war sonst noch wichtig?

Christoph Kramer. In sein erstes Pflichtspiel von Beginn an packte er kurzerhand alles, was sonst ganze Profikarrieren zu füllen vermag. Khediras Wade machte vor dem Anpfiff zu, Kramer kam und interpretierte dessen Rolle mutig und offensiv. Nach einer Viertelstunde machte der Gladbacher dann Bekanntschaft mit Garays Schulter, stand kurz wieder, um wenig später doch gehen zu müssen. Da war gerade eine halbe Stunde gespielt. In einem WM-Finale gleich zwei Khediras ersetzen, das muss der Nationalmannschaft erst mal einer nachmachen.

Wer weinte am Schönsten?

Manuel Neuer. Nach dem Abpfiff konnte er nicht an sich halten und weinte dicke Tränen aus Titan. Er ist also doch ein Mensch!

Und die Statistik?

Deutschland: Neuer – Lahm, Hummels, Boateng, Höwedes – Schweinsteiger, Kramer (30. Schürrle), Kroos – Müller, Klose (88. Götze), Özil (120. Mertesacker)

Argentinien: Romero – Zabaleta, Demichelis, Garay, Rojo – Mascherano, Biglia – Pérez (86. Gago), Lavezzi (46. Agüero) – Messi, Higuaín (78. Palacio)

Tore: 1:0 Götze (113.)

Zuschauer: 74.738