Gerard Houllier musste sich diplomatisch äußern, denn sein Gehalt kommt von der Fifa. In seiner Funktion für die "Technical Study Group" analysiert der frühere Trainer des FC Liverpool und der französischen Nationalmannschaft die WM-Spiele für den Weltverband. Houllier meinte nach dem Achtelfinale, bei dieser WM einen Fußball beobachtet zu haben, der ihn eher an Basketball erinnere. "Je näher wir aber dem Finale kommen, desto kontrollierter wird gespielt", schob Houllier pflichtergeben hinterher.

Kontrolliert ist ein oft strapaziertes und dehnbares Wort. Überführt ins Vokabular des Fußballs steht es gemeinhin für Langeweile. Tatsächlich trat die, wie von Houllier prognostiziert, vor allem gegen Turnierende vermehrt auf: Im 1:0-Sieg von Argentinien gegen Belgien etwa, im zähen Spiel zwischen den Niederlanden und Costa Rica oder vor und nach den zahlreichen Standardtoren in der K.o.-Runde.

Doch alles in allem ist diese WM ein Spektakel. Das Turnier schrieb Anekdoten, glänzte mit vielen Toren und Außenseitern, war stimmungsvoll und kurzweilig. Manche sagen, dass es noch nie eine so attraktive WM gab – jedenfalls für die Zuschauer.

Die Trainer und Experten dagegen haben gelitten. Nicht, dass sich jede WM um taktische Brillanz oder Neuerungen verdient gemacht hätte. Aber diese war eine einziges Taktikgewirr, eine kollektive Unordnung, ein vier Wochen währendes Knäuel aus mangelnder Zuordnung, Althergebrachtem und Flickschusterei. Man könnte sagen, dass es selten einfacher war, mit beschränkten fußballerischen Mitteln den Titel zu gewinnen.

Rauf, runter und ins Aus

Ein Faktor für die bisweilen abenteuerlichen Partien auf dem Rasen könnten die Reisen und das schwierige Klima gewesen sein. Die größte Entfernung zweier Spielorte voneinander betrug 3.215 Kilometer. Für einen Direktflug zwischen dem nordöstlichen Fortaleza und Porto Alegre im Süden musste man knappe fünf Stunden einplanen. Den obligatorischen Stau im Spielort noch nicht eingerechnet. Bei teilweise tropischen Temperaturen ging es anschließend darum, Kraft zu sparen. Viele Mannschaften versuchten deshalb, mit möglichst schnellen Gegenstößen zum Abschluss zu kommen.

Das kann mitunter toll und mitreißend anzusehen sein, weil es rauf und runter geht und oft auch wieder rauf. Es führt aber auch zu jenem verbasketballten Fußball, den Houllier ausgemacht hat. Einem Hin und Her, das auf Kosten der Genauigkeit geht. Dann wird hastig gekontert, risikoüberladen gepasst und schludrig auf die Tore geschossen, weil die Spieler vorher zu schnell oder zu viel rannten.

Weil den Nationaltrainern überdies schlicht die Zeit zur Feinabstimmung fehlt, flüchteten sich viele Teams in die Grundtugenden. "Es ist eine Weltmeisterschaft, die ganz im Zeichen der Willenskraft und Leidenschaft steht", resümierte der ZDF-Experte Oliver Kahn, so etwas wie der Erfinder des Willens.

Das Modell Atlético macht Schule

In dieser Hinsicht folgt die WM den Trends des Vereinsfußballs, allen voran der Spielart Atlético Madrids. Während Real Madrid den FC Bayern mit ruhenden Bällen aus seinen Ambitionen auf die Titelverteidigung rammte, machten die Spieler aus der königlichen Nachbarschaft anderweitig Schule. Sie ackerten sich im Kollektiv ins Champions-League-Finale und zur spanischen Meisterschaft. Ihr Vollgasfußball, dieser Stil des Wollens, des Zupfens und Zerrens, scheint das austarierte Spiel mit Räumen und Positionen abzulösen. Auch, weil er einfacher gespielt, schneller vorbereitet ist. Das taugt vorangig den Nationalmannschaften, die jetzt rennen und rempeln wie Atlético.

Die Partien sind deshalb emotionaler und härter als bei den vergangenen Turnieren. Es gab Mannschaften, die ausschließlich als Kämpfer und Rackerer wahrgenommen wurden. Mittels ihrer Physis wollten sie über den Gegner hinwegfegen, was zuweilen ausartete. Die Partie Brasiliens gegen Kolumbien zählte als härteste der WM ganze 54 Fouls und kostete den Gastgeber seinen Impresario Neymar.

Ihre Defizite in technischer und taktischer Hinsicht kompensierten insbesondere die südamerikanischen Teams mit wuchtigem Spiel, das sich teilweise zu Brutalität auswuchs. Das kostete einige Mannschaften, die von ihrer Taktik leben, etwa Spanien, Italien, auch Chile, früh das Turnier. Ihre Gegner begnügten sich damit, den Ball nicht zu besitzen und sabotierten ihre konstruktive Spielweise mit den Ellenbogen.