Brasiliens junge Fans © Laurence Griffiths/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Sonntag, vor der WM wurde viel über die Probleme Brasiliens geredet. Während der WM haben wieder alle Fußball geschaut. Spätestens jetzt zum Finale ist er wieder da, der Fußball-Hype. Kann man das den Leuten verdenken?

Albrecht Sonntag: Nein, kann man nicht. Es ist sehr schwierig, sich dem Sog des Fußballs zu entziehen. Auch ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich diese WM sehe. Wenn wir diese WM verfolgen, erleben wir eine kognitive Dissonanz. Die Zuschauer stellen fest, dass ihre politischen Wertvorstellungen nicht mit ihrem täglichen Handeln vor dem Fernseher in Übereinstimmung zu bringen sind. Eigentlich sollte man dem Anliegen der Demonstranten viel mehr Aufmerksamkeit schenken, eigentlich ist das ein Riesenspektakel, dass die Regierenden in Brasilien dazu verleitet hat, viel Geld aus dem Fenster zu werfen, das sie woanders bräuchte. Eigentlich werden hier unverhältnismäßige Sicherheitsmaßnahmen getroffen, die von einer harten Polizei durchgesetzt werden. Eigentlich sollte man sich abwenden, aber man kann es nicht weil der Fußball, mit Verlaub, so "geil" ist. Weil man vier Jahre auf das Spektakel gewartet hat. Die WM hat es geschafft, durch den Vier-Jahres-Rhythmus über alle Jahrzehnte hinweg den Mythos des Exzeptionellen beizubehalten. Da lässt man sich dann doch einfangen.

ZEIT ONLINE: Kann man da herausfinden?

Sonntag: Der sozialpsychologische Mechanismus, um diesen Widerspruch aufzulösen, ist: Entweder man passt sein Verhalten an oder redet sich die Wirklichkeit schön. Man darf sich insofern die Wirklichkeit schönreden, als die WM ebenso wie der ConfedCup im vergangenen Jahr den Menschen in Brasilien half, aufzuzeigen, woran es in ihrer Demokratie mangelt. Man kann sich damit trösten, dass diese WM immerhin denjenigen in Brasilen, die mit den Missständen des Landes nicht mehr leben wollen, eine große Bühne geboten hat. Das ist sicherlich nicht genug. Aber das ist nicht nichts.

ZEIT ONLINE: Am vergangenen Freitag verletzte sich Neymar am Rücken. Am gleichen Tag stürzte eine für die WM gebaute Brücke ein und erschlug eine Busfahrerin, 22 Personen wurden verletzt. Was die Titelseiten am nächsten Morgen bestimmte, war klar. Ist das nicht Wahnsinn?

Sonntag: Ja, das ist Wahnsinn. Die WM ist Wahnsinn, weil sie vollkommen maßlos ist. Sie frisst alles auf, das Geld des Staates, Aufmerksamkeit, die woanders liegen müsste, sie frisst auch das Bild auf, das ein Land in seiner Wirklichkeit von sich geben will, weil es in einer Ausnahmesituation dargestellt wird. Aber wem ist geholfen, wenn man sich beim Betrachten des Finales ein schlechtes Gewissen macht? In Frankreich erinnert man sich an anderthalb Millionen Menschen auf den Champs-Elysées 1998, aber nicht an den Wagen, der aus Panik in die Menge raste, einen Feiernden tötete und Dutzende verletzte.

ZEIT ONLINE: Eine Schweigeminute wäre doch schon was.

Sonntag: Das wäre eine gute Sache, keine Frage. Die Fifa könnte das durchsetzen, ich glaube aber nicht, dass sie es macht.

ZEIT ONLINE: So viel schwarz-rot-gold in Deutschland, so viel gelb-grün in Brasilien. Ist das Ausrufen einer Art nationalen Schicksalsgemeinschaft in Zeiten der Globalisierung nicht schizophren?

Sonntag: Die WM ist ein emotionaler Appell an ein nationales Zusammensein und an die öffentliche Darstellung dieser Zugehörigkeit. Man kann sich als Globalisierungsbürger des 21. Jahrhunderts fragen, ob das eine gute Sache ist. Emotional kann man das verstehen. Intellektuell würde ich sagen, es ist kontraproduktiv, weil mit diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten, den eine WM darstellt, nur nationale Besonderheiten zelebriert werden: Wir sind anders als andere. Und da schwingt immer mit: wir sind besser als andere.