Szene aus einem Hamburger Amateurspiel © Kati Jurischka/Bongarts/Getty Images

Franz Seitz holt kurz Luft, dann lässt er seinen Ärger raus und seinen Gesprächspartner am Telefon eine halbe Stunde lang kaum zu Wort kommen. "Was mit uns kleinen Vereinen passiert, interessiert niemandem beim Verband, das war schon immer so", sagt der Spartenleiter Fußball vom bayerischen Bezirksligisten TSV Grafenau. "Die da oben nehmen uns nicht ernst und erschweren uns das Leben, das beweisen sie mit ihrer jüngsten Idee wieder mal."

Die da oben sind vom Bayerischen Fußballverband BFV, einem von 21 Landesverbänden des DFB. Seit dieser Saison verpflichtet der BFV alle Vereine von der fünften bis zur siebten Liga, Ergebnisse und Ereignisse ihrer Spiele live im Internet zu veröffentlichen, also zu tickern. Und zwar auf bfv.de, der Verband möchte auf seiner Homepage ein attraktives und vermarktbares Online-Angebot schaffen. Wer nicht mitmacht, muss 30 Euro zahlen pro Spiel.

Die Wut an der Basis ist groß. Wer so etwas entscheide, habe keine Ahnung, unter welchen Bedingungen Amateurfußball stattfinde, sagt Seitz. "Vor dem Spiel muss ich mich um die Mannschaft kümmern, um die Schiedsrichter, um die Kabinen. Und jetzt soll ich auch noch jemanden finden, der tickert." Es sei ohnehin schwer genug, Vereinsmitglieder dafür zu gewinnen, Kuchen zu backen, Würstchen zu verkaufen, den Platz abzustreuen.

Seitz ist nur einer von vielen Empörten in Bayern. "Entweder biete ich einen Live-Ticker freiwillig an oder ich lasse es, aber ich finde es ein Unding, das unter Strafe zu stellen", lässt sich der oberfränkische TV Ebern von einem Online-Magazin zitieren. Aus Memmelsdorf bei Bamberg heißt es: "Jetzt brauchen wir noch einen mehr, der umsonst etwas für den Verein tut." Der 1. FC Mitwitz klagt, dass mit einem Ticker einzig Geld generiert werde, das dem BFV zu gute komme. Für die Vereine falle nichts ab. Mancher erwägt sogar, aus Trotz falsche Ergebnisse zu tickern.

Der Verband löscht kritische Kommentare

Bislang gilt die Regel nur für Bayern, doch auch die Amateure aus anderen Ländern fürchten, bald tickern zu müssen. Etwa die vom Niederrhein. Auf einer Tagung habe der Verband das angedeutet, sagt Daniel Peters, der Abteilungsleiter des Oberligisten TuS Bösinghoven. "Wenn der etwas andeutet, wird’s auch so kommen, ich kenne die Herren." Der Verband beraube die Vereine durch Vorschriften und Verbote ihrer Freiheit, Öffentlichkeitsarbeit zu gestalten, sagt Peters.

Dass die Verbände so rabiat ihr Ticker-Angebot bestücken lassen wollen, hat einen Hintergrund: Der DFB möchte selbst berichten, möchte selbst Klicks machen. Das war während der WM zu beobachten, als auf dfb.de viele Interviews mit Nationalspielern zu lesen waren. Im Amateurfußball ist das noch stärker der Fall. Gerade hat fussball.de, der Amateur-Ergebnisdienst des DFB, mit einem aufwendigen Relaunch sein Angebot deutlich erweitert.

Doch es gibt einen erfolgreichen Konkurrenten. Das Portal FuPa (Abkürzung für Fußball Passau, wie es zu Gründungszeiten hieß), 2006 vom damals 16-jährigen Fußballliebhaber Michael Wagner gegründet, wurde bei den Vereinen so beliebt, dass es inzwischen über seine Heimat Passau hinaus in ganz Deutschland genutzt wird. Es bietet unter anderen einen Ergebnisdienst mit Nachrichten, Bilderstrecken und eben einen Live-Ticker.

Gefüllt wird FuPa von den Vereinen. Freiwillig. Der BFV spricht von "kommerziellen Anbietern", die die Vereine "abschöpfen". Doch diese antikapitalistische Rhetorik verfängt nicht bei den Vereinen. Sie lieben FuPa, auch weil sich das Angebot leichter bedienen lässt. Und weil Wagner auf die Vereine eingeht, sich ihren Wünschen anpasst. Auf den Online-Kanälen des Verbands werden kritische Kommentare meist ignoriert, oft sogar gelöscht, berichten viele User.