Torsten Wieland ist eine Ausnahme. Er ist 42 Jahre alt, hat zwei Kinder und steht schon ewig Auf Schalke. Früher in Block 79, Reihe 4, Platz 27, heute in Block S5, Reihe 39. Er jubelt, trauert, hadert mit dem Verein. Doch ihm würde im Traum nicht einfallen, ein Trikot zu kaufen. Nicht seit 2007 und nicht bis 2017, mindestens.

Seit dem 1. Januar 2007 ist der russische Staatskonzern Gazprom Hauptsponsor von Schalke 04. Eine halbe Ewigkeit. Damals gab es große Aufregung um das Sponsoring. Daniel Cohn-Bendit, Politiker der Grünen, etwa warnte vor einem "subtilen Kampf um unser Unterbewusstsein" durch Gazproms Omnipräsenz auf Schalke. Die Aufregung war relativ schnell wieder vorbei.

Mittlerweile besetzt Russland die Krim und heizt den Konflikt im Osten des Landes an, bei dessen Eskalation mit dem Abschuss des Zivilflugzeugs MH17 auch 298 Unbeteiligte ihr Leben verloren. Gazprom selbst erhöhte in dieser Zeit in zwei Tagen den Gaspreis in der Ukraine um achtzig Prozent. Die konzerneigene Bank wurde von der Europäischen Union schon Ende Juli auf eine Sanktionsliste gesetzt. Sanktionen gegen Gazprom selbst sind unwahrscheinlich, aber auch nicht komplett ausgeschlossen.

Grund genug, noch einmal nachzuhaken: Gazprom und Schalke – stellen sich der Verein oder die Fans Fragen? Wird über das Thema diskutiert? Möchte der Club unter den Umständen wirklich mit diesem Sponsor in die neue Saison gehen, die am Wochenende beginnt? Die Antworten: Nein. Nein. Klar doch.

Loyalität gegenüber dem Sponsor

Am ersten Sonntag im August waren rund 100.000 Menschen zum Fan-Tag auf den großen Parkplatz vor der Arena in Gelsenkirchen gekommen, um sich von Verein und Sponsoren bespaßen zu lassen. Kritische Fragen an die Gazprom-Promo-Truppe gab es nicht, das verwunderte selbst die per Agentur angeheuerten Studenten, denen das Logo auf ihren adretten weißen Poloshirts selbst unangenehm war. Schalke und Gazprom sind für viele längst synonym.

Im April hatte der Fan-Vertreter Roman Kolbe dafür gesorgt, dass noch einmal über Gazprom geredet wurde. Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies ("An Gazprom ist Nullkommanull zu beanstanden") hatte einen Mannschaftsbesuch im Kreml ins Gespräch gebracht. Jener Tönnies übrigens, der sich als Putin-Freund bezeichnen darf und der als Fleischfabrikant in Russland 600 Millionen Euro investieren will. Auf kritische Nachfragen fauchte der Manager Horst Heldt: "Wir sind doch hier nicht beim Politbarometer." Doch letztlich bereinigten die Streitschlichter des Clubs den Disput geräuschlos. Offenbar sah der Deal so aus, dass es definitiv keine Russlandreise geben würde – im Gegenzug muss Kolbe Ruhe geben.

Der Verein selbst äußert sich zu diesem Thema auf Anfrage nicht. Schalkes Marketingvorstand Alexander Jobst geht in einem Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland in dieser Woche zwar auf Distanz zu Russland. Der Markt dort liege aufgrund der politischen Lage "auf Eis", es seien keinerlei Reisen oder Marketing geplant. "Das würde auch unseren Werten und Grundsätzen widersprechen", sagt Jobst. Stattdessen orientiere man sich in Richtung China. Gazprom sichert Jobst aber weiter explizit Treue zu. "Ich kann betonen, dass Gazprom uns gegenüber ein loyaler Partner ist und noch lange sein wird. Und wir werden es gleichsam sein", sagt er. 

Selbst die Ultras haben sich damit abgefunden

Die meisten Fans schweigen, ganz gegen ihr Naturell. Bei der Vorstellung des neuen Heimtrikots am 29. April etwa gab es auf Facebook mehr als 700 Kommentare, kritische vor allem. Über den Preis (95,50 Euro) und das Design (eine Mischung aus Bergmannshemd, Baseball-Trikot und Schlafanzug). Kritik am Sponsor muss man lange suchen, im Zweifel erkennt man sie daran, dass sie eifrig gekontert wird: "Wieso verteufelt ihr auf einmal alle unseren Sponsor? Seid doch froh, dass wir so einen finanzstarken Partner an der Seite haben", heißt es da. 29 Leuten gefällt das. Das sind weit weniger als die mehr als 70.000, denen Gazproms S04-Fanseite Königsblauer Planet gefällt. Und mehr als die Gruppe Schalke-Fans gegen Gazprom Mitglieder hat.

Den Fanforscher Jonas Gabler überrascht das nicht. "Fans werden politisch meist nur aktiv, wenn sie die Tradition ihres Vereins in Gefahr sehen oder selbst benachteiligt werden wie bei Viagogo", sagt er. "Selbst die Ultras haben sich damit abgefunden, dass Vereine ohne Sponsoren, ohne ein gewisses Maß an Kommerz sportlich nicht konkurrenzfähig wären."

Die Ultras GE ließen unsere Anfrage unbeantwortet. Gazprom behält Umfragen zu seiner Beliebtheit für sich, teilt aber mit, dass "eine deutliche Mehrheit der Fans eine positive Einstellung" zeige. Der als vereinsnah geltende Schalker Fan-Club Verband e.V. bestätigt: "Gazprom als Sponsor ist bei unseren Fan-Clubs kein großes Thema, da sich Gazprom in all den Jahren als guter Partner für den S04 und die Fans dargestellt hat."

Selbst Erwin ten Vengert, der Vorsitzende des niederländischen Schalke-Fanclubs Blau und Weiss Enschede – bei der Katastrophe um MH17 starben vor allem Niederländer – hält zu dem Sponsor. Es sei keine Option, die Partnerschaft zu beenden. Das löse kein Problem und überhaupt sei Schalke für Putin und Gazprom nur ein kleiner Fisch. "Bitten Sie doch lieber Vereine wie Bayern, Real Madrid oder Barcelona, die Champions League zu boykottieren!"