"Huuuuubert! Huuuuubert!", ruft eine Frau zu ihrem Mann vor dem Münsteraner Preußenstadion, wo beide gerade ihre Fahrräder abgestellt haben. "Sieh nur, du hast deinen neuen Fanschal auf dem Gepäckträger vergessen!" Hubert stöhnt so etwas wie "achherrje!". Seine Frau trägt ein originalverpacktes Sitzkissen mit Preußenadler unter dem Arm. Beide gehören offenbar zu jenen, die an diesem Sonntag Fans des SC Preußen sind. Der Drittligist hat in der ersten Pokalrunde mit dem FC Bayern München das große Los gezogen.

Für das Spiel gegen die vielen Weltmeister und Superstars hätte der Club ein Vielfaches der fast 17.000 Karten verkaufen können. Sogar in einem eigentlich gesperrten Teil des uralten Preußenstadions öffnet ausnahmsweise ein Block. Dort dürfen aber nur ein paar Hundert stehen, der Bereich ist baufällig und einsturzgefährdet. Für den Münsteraner Fußballalltag hat eine geräumige und komfortable Arena in etwa so viel Sinn wie eine Tankstelle auf Helgoland.

Doch nun ist das anders. Zumindest für einen Tag. In den Lokalzeitungen erscheinen viele Sonderseiten. Der Oberbürgermeister, ein Professor, der Karnevalsprinz, eine Nonne, ein Student und eine Museumsdirektorin geben ihre Tipps ab. Der SC Preußen ist plötzlich Stadtgespräch. Auf dieses Spiel scheinen sich alle zu freuen.

Pöbelnde Eventfans

Alle? Nicht alle. Oskar, 28 Jahre alt, steht in der Kurve. Dort, wo er bei jedem Heimspiel steht. Doch heute fühlt er sich dort ein wenig fremd. Seine Kollegen, die im Fanblock wie immer ihre Fahnen schwenken, werden von Eventfans angepöbelt, weil deren Sicht aufs Spiel eingeschränkt ist.

Kranke Sachen seien in Münster gelaufen, seit festgestanden habe, dass die Bayern kommen, sagt Oskar. Einige, die Geld haben, hätten sich Dauerkarten gekauft oder Mitgliedschaften beantragt, um das Vorverkaufsrecht zu genießen. Oskar freut sich über den Geldsegen für seinen Klub und sagt, dass man da für dieses eine Spiel halt durchmüsse als richtiger Preußenfan. Von Oskar und Kollegen gab es dieses Mal auch keine Choreo, keine organisierten Treffen vor dem Spiel und auch keinen gemeinsamen Marsch zum Stadion. Wirklich wichtig sei nur das Duell am kommenden Wochenende gegen den Erzrivalen Osnabrück, sagt Oskar.

Die Furcht vor den Eventfans, die die liebgewonnene Atmosphäre ändern, sei bei vielen groß, sagt Oskar. Er kennt Leute, die zwar Karten hatten für das Spiel, aber keinen Bock. So müssen sie nicht miterleben, wie Mechanismen, die sonst funktionieren, misslingen. "Steht auf, wenn ihr Preußen seid", der gesungene Aufruf von der Gegengeraden, ertönt verhaltener als sonst und reißt auf der Tribüne kaum jemanden vom Hocker.

Als der Stadionsprecher bei einer Einwechslung des SCP das allseits bekannte Spielchen machen will und den Vornamen des Neuen ruft, damit das Publikum den Nachnamen erwidert, herrscht unwissende Stille. Beschämt nuschelnd reicht der Sprecher den Namen nach. Weil im Preußenstadion zwei Fan-Welten aufeinandertreffen, ist die Stimmung an diesem Tag viel schlechter als bei einem durchschnittlichen Drittligaspiel, obwohl es doppelt so gut besucht ist.

Oskar nimmt es gelassen. Was ihn wirklich nervt, ist die Warterei bei den Toiletten. Es gibt kaum zusätzliche, aber seine acht Biere müssen irgendwo hin. Früher konnte man bei solchen Gelegenheiten einfach durch einen Zaun auf einen tiefer gelegenen Tennisplatz pinkeln, sagt Oskar. Dort ist nun eine Wand montiert. Aber er kennt eine Nische hinter der Bratwurstbude, in die er sich quetscht, während alle Unwissenden viele Minuten anstehen. Im Gedränge der WC-Schlange rutscht jemand auf einem Klecks Mayonnaise aus.