Frage: Herr Streich, Toni Kroos ist 24 Jahre alt und gerade von Bayern München zu Real Madrid gewechselt. Dort verdient der frisch gebackene Weltmeister sechs Millionen Euro pro Jahr – netto!

Christian Streich: Solche Summen sind kaum vorstellbar, ja. Aber es ist halt so, dass der Fußball materiell viel umsetzt, Millionen sind fasziniert von dem Spiel und schauen es im Stadion oder am Fernseher. Die handelnden Personen in diesem Geschäft, wenn man es so nennen mag, kriegen ganz oben in der Leistungspyramide sehr, sehr viel Geld.

Frage: Angela Merkel als Bundeskanzlerin verdient 205.000 Euro, sie müsste 60 Jahre lang Regierungschefin bleiben, um auf dem Konto zu haben, was Kroos in einem einzigen Jahr bekommt.

Streich: Es gibt Krankenschwestern, Altenpfleger, Betreuer von Behinderten, die arbeiten alle sehr hart, und wenn man deren Verdienst in Relation setzt, wird’s kompliziert – man kann das als total ungerecht betrachten. Andererseits verhält sich einer wie Kroos ja nicht unethisch.

Frage: Der SC Freiburg ist ein eher armer Bundesligist, trotzdem schätzen Insider Ihr Trainergehalt als gut doppelt so hoch wie das der Kanzlerin. Ist das okay?

Streich: Ich denke schon oft über den Wert von Arbeit nach. Ich sage mir dann, wir haben auch einiges zu tragen, wie lange kann einer diesen Job im Fußball machen? So relativiert man es für sich selber.

Frage: Sie waren jahrelang überaus erfolgreich als Nachwuchstrainer und deutlich schlechter bezahlt als heute. Ist Ihre Arbeit denn so viel besser geworden?

Streich: Nein, nein, nein. Ich habe vom zeitlichen Umfang her ebenso viel gearbeitet. Die Intensität war mit der A-Jugend nicht geringer, die Vorbereitungen aufs Spiel waren genauso penibel. Wir müssten da mal weg vom Fußball und eine ganz grundsätzliche Diskussion führen: Wie definiert unser politisches System Arbeit, was wollen wir? Dieses Thema betrifft die ganze Gesellschaft. Was sich bei mir geändert hat durch den Wechsel zu den Profis, ist der Druck. Da kommen 24.000 ins Stadion und wollen so viel Vergnügen wie möglich, und ich bin ein Teil davon, ihnen dieses Vergnügen zu bieten. Es ist nicht ohne, diesem Anspruch gerecht zu werden. Statt 300 schauen jetzt Zehntausende drauf, davon kannst du dich nicht frei machen.

Frage: Schlafen Sie schlechter?

Streich: Nein.

Frage: Empfinden Sie Ihre Popularität als belastend oder beglückend?

Streich: Beides. Es ist toll, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen, gelobt zu werden. Mensch, ihr kickt gut, auch wenn ihr mal verliert, ihr gebt alles – das ist eine wahnsinnige Bestätigung. Aber ich werde erkannt, in Hamburg genauso wie in Freiburg. Nur weil ich jede Woche im Fernsehen zu sehen bin. Das erhöht den Spannungsgrad. Ich grüße in alle Richtungen manchmal wildfremde Leute, um nicht als unhöflich zu gelten. Früher wäre ich bei einer Radtour abgestiegen und hätte an einen Baum gepinkelt, das geht nicht mehr. Weil, alle haben ein Handy dabei, überall sind diese Fotos. Das habe ich lernen müssen. Ich wollte mich nicht mit solchen Dingen befassen, ich wollte es nicht. Das war naiv.

Frage: Joachim Löw und Sie kommen aus derselben Ecke Südbadens. Löw sagte mal: "Ich habe früh den Drang verspürt, wegzugehen. Ich wollte die Welt kennenlernen." Sie sind in der Heimat geblieben.

Streich: Ich war auch neugierig und bin als junger Kerl viel gereist. Mit dem Bus durch Mexiko und Guatemala, durch Asien, mit dem Kajak über die masurischen Seen in Polen. Doch meine Bindung zu Freiburg ist eng, als Profi, als Student, ich durfte als Trainer die Fußballschule mit aufbauen.

Frage: Sie haben eine ungewöhnliche Karriere gemacht: Hauptschule, Lehre zum Industriekaufmann, Abitur im zweiten Bildungsweg, Fußballprofi, dann Studium der Germanistik und Geschichte. Sind Sie froh, dass dieser Weg möglich war?

Streich: Es gab keinen anderen. Ich konnte das nicht aussuchen, ich hatte keine Karriereplanung. Wenn ich sagen würde, in drei Jahren möchte ich das und das erreichen, und es tritt nicht ein, dann müsste ich ja denken, ich hätte versagt, das will ich nicht. Ich lebe ziemlich in der Gegenwart. Ich mach was und schau dann, was rauskommt.

Frage: Ihr Leben hat sich einfach so ergeben?

Streich: Planen, das klappt eh nicht. Das Leben ist unberechenbar. Und man selber ist auch immer wieder unberechenbar, das muss man ehrlich sagen.

Frage: Ihr Bild in der Öffentlichkeit sieht so aus: Streich mit wirren Haaren, er fuchtelt an der Seitenlinie mit den Armen, er rollt die Augen, er brüllt – ein Trainer in Ekstase. Wenn Sie sich in der Sportschau sehen, denken Sie: Hey, das bin ich?

Streich: Ich bin gar nicht so erpicht, mich im Fernsehen zu sehen. Ich sehe mich jeden Morgen beim Zähneputzen im Spiegel. Eigentlich reicht das. Ich bin mehr interessiert, andere zu sehen als mich selbst.

Frage: Die Welt charakterisiert Sie so: "Er wägt jeden Satz ab, besonnen." Die Badische Zeitung schreibt hingegen: "Er drückt aus, was ihm gerade durch den Kopf geht. Keine diplomatischen Floskeln." Sie sind immer auch das Gegenteil von sich selbst.

Streich: Das bringt es ganz schön zum Ausdruck. Der Mensch besteht doch aus vielen emotionalen Zuständen, er ist mal erregt, mal ist er nachdenklich. Es gibt Spiele, da hocke ich mich immer wieder hin, ich hocke ganz lange auf der Bank, dann rufe ich zweimal in 90 Minuten etwas ins Spielfeld, garantiert ist dieses Bild am Tag drauf in der Zeitung. Jeder muss einen Weg finden, mit seinen Gefühlen umzugehen, denn ich garantiere Ihnen: Es gibt keinen unemotionalen Trainer, ich kenne nicht einen. Und ehrgeizig sind alle.

Frage: Ottmar Hitzfeld bekam Magengeschwüre, Ralf Rangnick meldete sich mit Burnout ab, Thomas Tuchel ist aus seinem Vertrag ausgestiegen wie Pep Guardiola, der ein Sabbatjahr machte, Hermann Gerland von den Bayern klagte über nächtliche Schweißausbrüche. Ist so ein Trainerjob der Tod auf Raten?

Streich: Das würde ich nicht sagen. Es ist ein äußerst intensiver Beruf, und all diese Reaktionen sind für mich nachvollziehbar.

Frage: Sie sind seit 20 Jahren Trainer, wie bekommen Sie denn den Kopf frei?

Streich: Beim Fahrradfahren…

Frage: …drehen sich die Gedanken doch wie die Pedale!

Streich: Ich steige nicht aufs Tretrad in der Wohnung und starre die Wand an. Was mir immer hilft, ist die Natur, sie gibt mir im wahrsten Sinne des Wortes Luft. Natur ist unverbiegbar, da steht der Baum, da fließt der Bach, und der fließt auch weiter ohne mich, das ist stark und beständig, da sind Vögel und Schmetterlinge. Und das alles gibt Energie.