Man kann Jens Voigts Karriere in Zahlen zusammenfassen:  17 Mal Tour de France, kein Radprofi hat das häufiger geschafft, zwei Etappensiege. 875.000 Kilometer lang saß er in seinem Leben auf dem Rad, das sind mehr als 21 Erdumrundungen auf Äquatorhöhe. Mit 110 Stichen wurde er im Laufe seiner Karriere nach Stürzen wieder zusammengeflickt. Zwei, drei Ersatzteile aus Titan habe er weiterhin im Körper, sagt er.

Man kann aber auch Jens Voigt, mittlerweile 42 Jahre alt, ein paar Geschichten erzählen lassen, jetzt, kurz vor Schluss. Der 24. August, das Ende der US Pro Challenge in den Rocky Mountains, wird der letzte Renntag in Jens Voigts Karriere sein.

Zum Beispiel wie er nach einem schweren Sturz bei der Tour de France 2010 auf einem Kinderfahrrad dem Peloton hinterherjagte, weil sein Rad völlig zerstört war. Voigt erzählt das so: "Ich bin nach etwa 15 Kilometern gestürzt. Es war wie in einem dieser billigen Horrorfilme. Das Blut lief mir aus dem Ellenbogen den Arm entlang und tropfte von den Fingerspitzen auf die Straße. Ich konnte auf dem Asphalt meine eigene Blutspur sehen. Eine Viertelstunde lang wurde ich verarztet. Als ich dann losfahren wollte, war kein Materialwagen da. Es gab nur noch den Krankenwagen, den Besenwagen und ein Begleitfahrzeug für das Kinderrennen, das die ASO auf jeder Etappe für die Nachwuchsfahrer der Umgebung organisiert. Die hatten quietschgelbe Jugendräder auf dem Dach, mit Riemchenpedalen und maximaler Übersetzung von 50:14."

Fanscharen in den USA

Er nahm sich solch ein Rad, verstaute seine Klickpedal-Rennschuhe auf den Riemchenpedalen, schloss die Riemchen und fuhr los. "Erst habe ich Robbie McEwen eingeholt, dann Cav erreicht und schließlich auch das Grupetto, mit dem ich es ins Ziel schaffte." Zwischendrin erhielt er noch sein Ersatzrad. Und der Ellenbogen wurde so gut zusammengenäht, dass Voigt bis Paris durchfuhr.

Es ist dieser Charakterzug, niemals aufzugeben, der Voigt Heldenstatus verleiht. Vor allem im Ausland. Mit seinem legendären "Shut up, legs", seiner Art von Zwiesprache mit seinen schmerzenden Beinen kreierte er einen der bärbeißigen One-Liner, für die er vor allem im anglo-amerikanischen Sprachraum regelrecht geliebt wird.

Wegen der Fanscharen dort hat er auch die Colorado-Rundfahrt als Finale seiner Karriere auserkoren. "Ich habe viele Fans dort. Der Sponsor kommt aus den USA. Und am letzten Tag gibt es eine große Party in Denver", sagt er. Passend fürs Cowboy-Territorium hat er sich einen Stetson gekauft und war beim Rodeo gleich neben der Hotelanlage. Eine Zweitkarriere als Rodeo-Reiter sieht er aber nicht. "Ich bin eher der, der die Pferde streichelt und sie sauber macht."

Voigt hat in den 18 Jahren seiner Karriere viel gesehen. Er hat in Frankreich gelebt, war dann bei einem dänischen, danach bei einem luxemburgischen und schließlich bei einem US-Rennstall unter Vertrag. "Das ist eine Charakterschule. Als deutscher Fahrer ist es in einem deutschen Team sicherlich leichter. Du kennst die Sprache, das Umfeld ist vertraut. Aber ich wollte mich für die Welt öffnen, andere Erfahrungen machen", sagt er.

Nie positiv getestet

Das klappte. Voigt wurde Toursiegerhelfer für den Spanier Carlos Sastre im dänischen CSC-Team. Zu seinen schönsten Momenten als Rennfahrer zählt er jenen im Juli 2008, als er gemeinsam mit seinen Kollegen auf das Podium für die beste Mannschaft gerufen und Sastre für den Gesamtsieg geehrt wurde. "Wir zu neunt auf dem Podium, vor uns die Champs-Elysées, über uns strahlende Sonne, hinter uns der Arc de Triomphe", sagt er. Immerhin ist Sastre einer der wenigen Toursieger, die niemals mit Doping in Verbindung gebracht wurden.

Voigt selbst ist durch die 18 Jahre seiner Profikarriere ebenfalls ohne positive Kontrolle gekommen, ohne Nachtests und ohne Geständnisse. Er hat eine einfache Erklärung: Risikoabwägung. "Ich habe mich gefragt: Willst du ein Millionär und Superstar werden mit dem Risiko, dass die Sache jeden Moment explodiert, oder willst du ruhig und sicher leben? Ich habe mich für das ruhige Leben entschieden", sagt er.