ZEIT ONLINE: Herr Reus, Sie sind seit wenigen Wochen offiziell der schnellste Deutsche aller Zeiten. Mit 10,05 Sekunden haben Sie einen 28 Jahre alten Rekord gebrochen.

Julian Reus: Dass das mit dem Rekord geklappt hat, ist schön, aber es war nie mein Ziel. Eigentlich versuche ich nur, so schnell wie möglich zu laufen. Auch jetzt bei der EM in Zürich [Vorläufe am Dienstag, ab 18.28 Uhr]. Das ist für mich der wichtigste Wettkampf des Jahres, darauf liegt die Konzentration. Deswegen hat sich der Rekord bei mir noch gar nicht richtig gesetzt.

ZEIT ONLINE: Der Rekord fiel im Halbfinale der Deutschen Meisterschaften. Da sah es sogar so aus, als wären Sie ausgetrudelt.

Reus: Ja, das haben viele gesagt. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich den Gang rausgenommen habe. Es ist auch schwer zu sagen, ob sowas nur so aussieht oder am Ende wirklich Zeit kostet.

ZEIT ONLINE: Merken Sie während des Rennens schon: Oh, heute bin ich schnell?

Reus: Nein, aber vorher. Ich habe an diesem Tag gemerkt, dass ich mich gut fühle. Bei solch einem Rennen spielen viele Faktoren eine Rolle: der Wind, die Temperatur, die Bahn. An diesem Tag hat alles gepasst. Im Rennen selbst merke ich nicht, ob da am Ende nun eine 10,05 oder 10,20 stehen wird. Aber ich merke, ob ich fehlerlos bleibe oder nicht.

ZEIT ONLINE: Fehler? Sie müssen doch nur geradeaus laufen?

Reus: Man kann beim Geradeauslaufen viele Fehler machen. Das geht schon mit einem Fehlstart los. Dann kann man in der Beschleunigungsphase die Schritte ein paar Zentimeter zu kurz oder zu lang setzen oder den Körperschwerpunkt zu tief haben, so etwas. Bei mir wirkt sich das dann aufs ganze Rennen aus. Im Sprint können diese kleinen Feinheiten am Ende entscheiden.

ZEIT ONLINE: Dementsprechend sezieren Sie auch Ihre Läufe?

Reus: Klar. Wir machen Videoanalysen, messen Schrittlänge und Schrittfrequenz. Dann zerlegen wir den Lauf in 20-Meter-Abschnitte und schauen, was ich in den einzelnen Bereichen so gemacht habe. Wir messen Knie- und Hüftwinkel, das sind Parameter, bei denen zwei oder drei Grad Unterschied das komplette Laufbild beeinflussen. Man glaubt gar nicht, wie viel harte Arbeit es ist, sich nur um eine oder zwei Hundertstel zu verbessern.

ZEIT ONLINE: Kann man Schnelligkeit überhaupt trainieren?

Reus: Bis zu einem gewissen Maß ist die sicherlich vom Talent und der Muskelstruktur abhängig, die man mit auf die Welt bekommen hat. Ich habe schon in der Grundschule gemerkt, dass ich schneller bin als die meisten anderen. Aber ohne spezifisches Training wird niemand zehn Sekunden laufen.

ZEIT ONLINE: Sind Sie im Alltag auch schnell unterwegs?

Reus: Schwer zu sagen. Ich heize nicht mit 250 über die Autobahn. Aber wenn ich von A nach B muss, ist es mir schon lieb, wenn es schnell als langsam geht. Ich bin ein wenig ungeduldig.

ZEIT ONLINE: Ihnen fährt sicherlich nie der Bus vor der Nase weg, oder?

Reus: Oh doch. Aber ich bin noch nie auf den Gedanken gekommen, einem Bus hinterherzurennen. Ich glaube, ich würde mir dabei einen Muskelfaserriss holen.

ZEIT ONLINE: Aber sie könnten jedem Polizisten weglaufen.

Reus: Na ja, dann muss ich schauen, dass ich das sehr schnell mache, schon auf den ersten Metern. Irgendwann schießt mir als Sprinter das Laktat in die Beine und ich werde leider langsamer. Ein gut trainierter Polizist hätte mich nach 500 oder 600 Metern eingeholt. Aber ich habe meine Sprintfähigkeit im Alltag noch nicht eingesetzt.

ZEIT ONLINE: Gibt es Sachen, bei denen Sie langsam sind?

Reus: Eigentlich nicht. Warum langsam, wenns auch schnell geht?