Als Kirsan Iljumschinow am Rednerpult sagte, er werde heute noch zwanzig Millionen Dollar an den Weltschachbund überweisen, wusste Garri Kasparow, dass die Wahl für ihn verloren war. Das Los hatte Kasparow als ersten Redner bestimmt, und so musste er mitansehen, wie die Delegierten der im Auditorium der Tromsöer Universität tagenden Schachverbände seinem Konkurrenten zujubelten: Iljumschinow, dem seit 1995 amtierenden Präsidenten. Dabei hatte Kasparow versprochen, dass Rex Sinquefield, sein amerikanischer Mäzen, am nächsten Morgen auch Geld auf das Konto des Weltverbands transferieren werde. Aber nur zehn Millionen Dollar.

Einige Stunden später standen vor dem Hotel, in dem Kasparow und sein Team während der Schacholympiade Quartier bezogen hatten, seine Anwälte zusammen. Einer von ihnen imitierte Iljumschinows Fistelstimme und russischen Akzent und deklamierte dessen Worte: "Nicht nur Amerika hat reiche Leute! Kalmückien in Russland hat auch Geld! Nicht morgen, heute! Ich überweise zwanzig Millionen Dollar an die Fide!" Alle lachten. Ank Santens, die das Juristenteam leitete, wurde als erste wieder ernst: "Wer wird morgen nachfragen, wo die zwanzig Millionen bleiben?"

Im Kampf um die Macht im Weltschachbund (Fide) hatten beide Lager an nichts gespart. Dass Kasparow sich mit Anwälten einer New Yorker Kanzlei rüstete, hatte gute Gründe: Frühere Wahlen liefen in der Fide alles andere als fair ab. Delegierte fotografierten mit ihren Mobiltelefonen angekreuzte Stimmzettel ab. Zahlreiche Verbände gaben ihr Stimmrecht mittels Vollmachten weiter, obwohl ihre Vertreter zur Generalversammlung anreisten. Um die Prozedur wurde in Tromsö bis zuletzt gestritten, sogar noch während der Abstimmung: Ein Delegierter aus Iljumschinows Lager hatte die Anwesenheitskontrolle verpasst und tauchte in nahezu letzter Minute auf.

Elf Stimmen für 1,5 Millionen Dollar

Auf eine Stimme mehr oder weniger kam es allerdings nicht an. 110 Verbände stimmten für Iljumschinow. Vier enthielten sich oder gaben ungültige Stimmzettel ab. Nur 61 waren für Kasparow. Es war eine schwere Niederlage. Fast achtzig Verbände hatten fest versprochen, ihn zu wählen, schimpft Santens. Ihre Hoffnung war, dass noch einige Delegierte, die sich nicht offen zu Kasparow bekennen wollten, um Benachteiligungen für ihren Verband zu vermeiden, im Vertrauen auf das Wahlgeheimnis für ihn stimmen würden. Das Gegenteil geschah. Mindestens fünfzehn seien über Nacht umgefallen. Delegierte aus Asien und aus Europa, glaubt Santens. Sie verdächtigte auch den Präsidenten des Deutschen Schachbunds Herbert Bastian und sagte es ihm offen ins Gesicht.

Wäre es nach Bastian gegangen, hätte sich Deutschland enthalten. "Wir müssen ja mit beiden arbeiten können", begründete der Saarländer seine Haltung und versicherte: "Ich habe abgestimmt, wie wir es im Vorstand beschlossen haben: Für Kasparow." Aber eine offene Wahlzusage kam nicht infrage. Da sei der Deutsche Schachbund ein gebranntes Kind.

Vor vier Jahren habe man nicht nur Iljumschinows damaligen Herausforderer Anatoli Karpow unterstützt sondern auch mit einigen anderen europäischen Verbänden gegen Iljumschinow geklagt. Angebliche Anwaltskosten von über einer Million Euro wollten sich die Fide-Hardliner daraufhin auch vom deutschen Verband und seinem damaligen Präsidenten Robert von Weizsäcker zurückholen. Als Bastians Vorgänger von der drohenden Privatklage hörte, erlitt er während der Fide-Vollversammlung einen Schwächeanfall.

Hart wurde auch dieser Wahlkampf geführt. Im Januar spielte Kasparows Lager der Londoner Sunday Times Unterlagen zu, die beweisen sollten, dass die von der Fide beauftragte Vermarktungsfirma Agon Iljumschinow gehörte. Unmittelbar zuvor berichtete jedoch die New York Times über einen ihr anonym zugespielten Vertragsentwurf zwischen Kasparow und dem Singapurer Funktionär Ignatius Leong. Der Entwurf versprach diesem 1,5 Millionen Dollar, falls er mindestens elf Stimmen für Kasparow mitbrachte. Zur Brisanz trug bei, dass Leong Generalsekretär der Fide war und sein Stimmenpaket bisher Iljumschinow angedient hatte.

Fortan bekriegte man sich nicht nur auf den offiziellen Kampagnenseiten FIDE First und Kasparov2014sondern auch mit anonymen Schmähungen auf FIDE not for Sale , Chess News Agency oder The Ugly Truth About FIDE. Gegenseitige Vorwürfe des Stimmenkaufs haben das Bild einer korrupten Fide verfestigt.