Wer bei diesem Thema mitreden will, muss erst eine moralische Frage beantworten. Man stelle sich einen Ladenbesitzer vor, der in seinem Geschäft schöne Menschen Unterwäschemode präsentieren lässt. Vor seinem Schaufenster versammeln sich viele Menschen. Sie legen den Straßenverkehr lahm. Die Polizei rückt an, es entstehen Kosten für den Steuerzahler. Darf der Staat dem Ladenbesitzer für seine Dienste eine Rechnung stellen, obwohl der nichts Verbotenes getan hat?

Das Beispiel veranschaulicht die aktuelle Debatte um die Polizeikosten im Fußball. Angestoßen hat sie die Bremer SPD. Sie möchte bei ausgewählten Bundesliga-Spielen den deutschen Profifußball an den Polizeikosten beteiligen. Ein Novum und ein Politikum. Zur Strafe hat der DFB ein Länderspiel von Bremen nach Nürnberg verlegt, obwohl das vom Plan der SPD gar nicht betroffen gewesen wäre.

Der Ladenbesitzer aus unserem Beispiel ist der Fußball, er ist der Zweckverursacher oder -veranlasser, so nennen das Juristen. Die Menschenmenge sind die Fans, vor allem die randalierenden und prügelnden. Die Vereine und Verbände tun wie der Ladenbesitzer nichts Verbotenes. Sie tragen Fußballspiele aus, die Gewalt geht von den Fans aus.

Doch die Bremer werden vor allem deswegen aktiv, weil Fußball Woche für Woche und sogar an verschiedenen Orten enorme Polizeikosten verursacht. Für den Fußball rücken jedes Wochenende Hundertschaften aus, bei Risikospielen schon mal über dreitausend Polizisten. Der Bund der Steuerzahler spricht von einem "großen Missverhältnis". Der Chef der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt fordert 50 Millionen Euro pro Jahr. Nach internen Angaben entfalle jede dritte Arbeitsstunde der nordrhein-westfälischen Bereitschaftspolizei nur für die Sicherheit bei Fußballspielen.

Der Innenminister von NRW, Ralf Jäger, hat am Wochenende angekündigt, seine Beamten probeweise zurückzuziehen. Sonst würden durch den Aufstieg von Köln und Paderborn die Kosten weiter steigen. "Das kann ich dem Steuerzahler nicht mehr vermitteln", sagt Jäger. Eine Vorstufe des Protests.

Schlechte Idee, falsch umgesetzt

Politisch mag das Bremer Recht wünschenswert sein. Fußballverbände und -vereine sind reich, viele öffentliche Kassen leer. Umfragen im Internet ergeben Zustimmung für die Bremer Politik, manche bis zu neunzig Prozent.

Doch dürfen die Bremer das überhaupt? Die aufgebrachte DFL, der Verband der Bundesligaklubs, sagt Nein. Sie will vor Gericht, sollte die Bremer SPD die Mehrheit im Senat finden. "Der Bremer Alleingang ist mit verfassungsrechtlichen Grundsätzen nicht vereinbar", sagt der Ligapräsident und Anwalt Reinhard Rauball. Die DFL reagiert vehement, weil sie um Einnahmen fürchtet.

Viele Juristen stimmen Rauball zu. Deren wichtigstes Argument: Sicherheit ist die hoheitliche Aufgabe des Staates. Paul Lambertz, Sportrechtler aus Düsseldorf, sagt: "Der Staat muss Ordnung herstellen, sonst keiner." Jan Orth, Sportrechtler aus Köln, der auch im DFB-Bundesgericht sitzt, pflichtet ihm bei: "Gefahrenabwehr ist Sache des Staates." Wenn Innenminister Jäger an seinem Rückzugsplan festhalte, übernehme er die politische Verantwortung, wenn etwas passiere, sagt der Vorsitzende des Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU).

Orth verweist zudem darauf, dass Fußball ein wichtiges Angebot im Freizeit- und Kulturbereich sei, das viele Steuereinnahmen generiere. Fußballvereine unternähmen bereits viel gegen Gewalt, etwa im Stadion oder durch Fan-Arbeit.

Er sei überzeugt, dass die Bremer Initiative verfassungsrechtlich keinen Bestand haben werde, sagt Orth. Erst recht, weil der Bremer Senat das Geld nicht von Werder Bremen zurückverlangt, sondern von der DFL – vermutlich aus taktischen Gründen. "Rechtlich steht jedoch außer Frage, dass der Verein der Veranstalter von Bundesliga-Spielen ist", sagt Orth. Auch Lambertz hält den Bremer Antrag für "zu unbestimmt und ungenau". Lambertz und Orth zählen zur Mehrheit in der Rechtswissenschaft. Sie halten schon die Idee für falsch, erkennen zudem handwerkliche Mängel im Gesetzesentwurf.