Streckenbegleitung Christian Löw erklärt Nicole, dass sie gleich vom Besenwagen überholt wird. ©Fabian Scheler

Nicole ist zu spät dran, um aufzugeben. Sie ist raus aus der Wertung. Im Schritttempo rollen die Polizei, die Feuerwehr und die orange-farbenen Reinigungswagen an der Frau im blauen Top vorbei. Sie bleibt stehen. Längst weint sie. Über Lautsprecher macht die Polizei den Busfahrer auf die Läuferin aufmerksam. Sie schleppt sich mit hängenden Schultern nach vorne zum wartenden Bus. Sie wankt durch den engen Gang und lässt sich in den Sitz fallen. Das war es für sie. 

Zwei Sanitäter fragen sie nach Schmerzen. "Die Waden. Und im Kreuz", sagt Nicole, Tränen fließen unter der Sportbrille am roten Gesicht hinunter. Die Schirmmütze hängt im Gesicht, gelbe Plastikfolie umhüllt den Körper. Ausgezehrte Gesichter aus den vorderen Reihen lugen kurz über die Sitze zu ihr. "Ich weine, weil ich enttäuscht bin", sagt sie. 

Wir sind beim Berlin-Marathon, dem schnellsten Marathon der Welt. Regelmäßig schrauben Kenianer und Äthiopier den Weltrekord weiter nach unten, am Sonntag war es Dennis Kimetto: In 2 Stunden, 2 Minuten und 57 Sekunden läuft er durch Berlin. Ganz weit hinter ihm fahren zwei Reisebusse, die Besenwagen, die diejenigen aufsammeln, die zu langsam sind. Es sind Verletzte, Erschöpfte wie Nicole.   

Mehr als eine Stunde lang ist sie vor dem weißen Reisebus gejoggt. Mal trabte sie hundert Meter weiter vorne, mal neben der offenen Seitentür. Christian Löw stieg dann aus, zeigte ihr Dehnübungen, gab ihr Wasserbecher. "Iss Bananen!", rief er ihr zu und sagte ihr, dass der Bus jetzt vorbei fährt. Sie weiß, was das bedeutet.

Christian Löw entscheidet, wer aus der Wertung fliegt. Wird man vom Bus überholt, hat man zwei Möglichkeiten: einsteigen oder auf dem Gehweg weiterlaufen. Egal wofür man sich entscheidet, man ist raus.

Die beiden Reisebusse fahren mit festgelegtem Abstand hinter dem Feld der über 40.000 Läufer, fast nie schneller als Schritttempo. Christian Löw hüpft immer wieder aus dem Bus, joggt neben den Läufern, deutet auf die Uhr. Als der Kenianer Dennis Kimetto die Ziellinie mit neuem Weltrekord überquert, blickt Christian Löw gebannt auf den TV-Bildschirm im Bus. Sie sind gerade bei Kilometer zehn. "Wahnsinn, oder?", fragt er den Busfahrer Thilo. Dann springt er wieder raus, tänzelt neben einer kleinen Engländerin, die nur noch trottet: "Hurry up a bit!" Beide lachen.

Die Läufer, die einstiegen, sind die ehrlichsten Teilnehmer. Sie nehmen Atemnot und Krämpfe als Warnung, nicht als Ansporn. "Frauen sind einsichtiger als Männer", sagt Löw, der seit elf Jahren Marathonläufer von der Strecke holt. Und obwohl die Läufer im Bus es heute nicht geschafft haben, sind sie besessen vom Marathon. Vom Aufgeben will hier niemand sprechen. Der Körper sitzt in diesem Bus, unfähig, einen weiteren Schritt zu gehen. Im Kopf jedoch laufen sie ihr Rennen weiter.

Einer der ersten heute im Bus war Michael Zwicky, 55, aus Duisburg. Vor acht Wochen hatte er eine Lungenentzündung, jetzt schnappt er nach Luft. "War natürlich ein Risiko, aber watt soll ich machen? Gezahlt war ja schon alles." Die Startgebühr, die Fahrt nach Berlin, das Hotel: 500 Euro hat er für das Wochenende kalkuliert. Der Schweiß läuft über sein Gesicht. Er hat eine kräftige Statur. Ein Jahr lang trainierte er für diesen Tag, es sollte sein erster Marathon werden.

Seiner Frau erzählte er, dass er beim Arzt gewesen ist, um die Lunge zu prüfen. War er aber nicht. "Ich hätte diese unfassbare Atmosphäre dann nicht erlebt", sagt er und winkt nach draußen. An seinem Hinterkopf ist 42,195 in die dunklen Haare blond eingefärbt, die Marathon-Distanz. Bei Kilometer 17 ist er in den Bus gestiegen. "Der Kopf registriert, dass der Körper nicht will. Ein Scheißgefühl."