Kleines Klischee-Bingo mit Dirk Nowitzki:

Dirk ist 2,13 Meter groß und 111 Kilo schwer, aber ein sanfter Riese. Dirk kommt aus der Provinz, aber hat die halbe Sportwelt erobert. Dirk ist auf dem Feld besessen, aber abseits davon entspannt. Dirk könnte mit jedem Coach der Welt arbeiten, aber er zieht seinen kauzigen Jugendtrainer vor. Dirk hat 200 Millionen Euro verdient, aber Dutzende mehr abgelehnt. Erst in der Sommerpause hat er 70 Millionen Gehalt auf dem Tisch liegen lassen, weil ihm Loyalität wichtiger ist.

Dirk braucht übrigens auch keinen Nachnamen, wie Franz und Helene.

Dirk war ein Bauerntrampel, aber wurde zu einem der besten Basketballer aller Zeiten. Dirk ist ein Muttersöhnchen, aber auf herzerweichende Art. Dirk hat große Niederlagen einstecken müssen, aber noch größere Siege gefeiert. Dirk hatte lange Pech in der Liebe, aber ist nun mit einem klugen, kunstsinnigen und witzigen schwedisch-kenianischen Model verheiratet. Und bei alledem ist er, – verlogenstes Star-Klischee überhaupt – auf dem Boden geblieben.

Der Witz ist bloß: Bei ihm ist all das nicht verlogen. "Manchmal scheint der Mensch Dirk Nowitzki zu gut, um echt wahr zu sein", sagt der Basketballexperte André Voigt. "Doch er ist all das wirklich." 

Wer den Haken bei der Person Dirk Nowitzki sucht, wird sehr wahrscheinlich feststellen müssen: Der Haken ist, dass es bei ihm keinen gibt. Es sei denn, man macht was mit Medien und will etwas von ihm. Dann bekommt man es mit Nowitzkis Schwester Silke und Mentor Holger Geschwindner zu tun, die ihn teils in Bodyguard-Manier gegen Ablenkungen abschirmen.

"Früher war ihm alles lästig, selbst Einladungen zu Wetten, dass..?", sagt der Würzburger Sportjournalist Fabian Frühwirth, der Nowitzki noch aus Zweitliga-Tagen kennt. Doch selbst diesen Spleen, falls man das Bedürfnis nach Ruhe und Privatheit so nennen will, gewöhnt sich Nowitzki langsam ab. "Er ist immer noch mit angezogener Handbremse unterwegs", sagt Frühwirth, "aber er hat eine beeindruckende Entwicklung durchgemacht, einen Reifeprozess."

Immer seltener belässt es Nowitzki bei Floskeln wie "Mamas Klöße sind die Besten", die er den Presse-Geiern jahrelang immer wieder vorwarf. Bei Spiegel Online gab er jüngst zu: "Mich interessiert das individuelle Spiel mehr als die Mannschaftstaktik." Für Nowitzkis Verhältnisse fast ein Skandal, Rebellion, Anarchie. Beim Jugend-Radiosender Einslive antwortete er trocken auch auf diffizile Fragen ("…und jetzt noch einen Gruß an Wladimir Putin?!" – "………Hallo.") und sang bereitwillig Fuchs, du hast die Gans gestohlen wie am Bett seines Töchterchens. 

Mit dem NBA-Titel 2011 hat er auch das nötige Selbstbewusstsein gewonnen und die Erkenntnis, dass es ein bisschen Nahbarkeit, ein Quäntchen Kontrollverlust nicht nur den Journalisten, sondern auch ihm selbst leichter macht. Wer frei spricht, muss keine Floskeln auswendig lernen.

Nun also ein Film. Der große Wurf, ab Donnerstag in den Kinos. Der nächste Schritt. Hier sinniert Nowitzkis Mutter Helga über ihr "gluckenhaftes Wesen", seine Kumpels dissen ihn auf der Bowlingbahn und ein alter Freund verdeutlicht, unter welchen Druck sich Nowitzki bis 2011 selbst gesetzt hatte: "Ich bin froh, wenn ich Kreismeister in Fürstenfeldbrück werde – und dann kommt er und sagt mir, er hat nichts erreicht ...?!". Dabei sind die Filmemacher angemessen kritisch, ohne ihre Sympathie zu ihrem Protagonisten zu verhehlen.