ZEIT ONLINE: Herr Waldhauer, mit ihrem Co-Regisseur Farid Eslam haben Sie den Film Istanbul United gedreht. Darin zeigen Sie, wie sich Fans der drei großen Istanbuler Vereine Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş an den großen Demonstrationen im vorigen Jahr beteiligten. Welche Rolle nahmen sie ein?

Olli Waldhauer: Eine sehr wichtige. Bei der Räumung des Gezi-Parks im Juni 2013 wurden die politischen Proteste von der Polizei niedergeschlagen. Die Ultras haben andere Demonstranten beschützt und ihre langjährige Erfahrung im Umgang mit der Polizei genutzt. Im Film sagt ein türkischer Journalist: "Die Fans wurden wie die einreitende Kavallerie begeistert empfangen." Das trifft es gut.

 

ZEIT ONLINE: Wie ist es zu dem Film gekommen?

Waldhauer: Farid und ich interessieren uns für Politik, für Auseinandersetzungen zwischen sozialen Gruppen und dem Staat. Farid war auch in Kairo am Tahrir-Platz gewesen, wo Fußballfans an vorderster Front Barrikaden aufgebaut hatten. Eine kurze Recherche ergab: Auch in Istanbul spielen Fans eine wichtige Rolle. Auf einem Foto sah ich drei verschiedene Trikots. Zwei Tage später waren wir auf dem Taksim-Platz. 

ZEIT ONLINE: Das war eine schnelle Entscheidung.

Waldhauer: Es musste auch schnell gehen. Am Tag als wir ankamen, wurde der Gezi-Park geräumt. Die größte Auseinandersetzung, die es jemals in Istanbul gegeben hat. Wir waren mittendrin. Außerdem bekamen wir Zugang zum Gezi-Archiv, einer mehrstündigen Sammlung von Handyvideos ...

ZEIT ONLINE: ... die Sie im Film verwenden. Oft sind sehr persönliche Momente zu sehen: Demonstranten, die kreischen. Kinder, die sich übergeben.  

Waldhauer: Für uns war das Material ein großer Gewinn. Obwohl da zwei Herzen in einem Filmemacher schlagen: Ich will einerseits perfekte Bilder. Anderseits waren die Handy-Aufnahmen eine große Bereicherung. Am Ende war die Mischung aus unserem Material und den Handyvideos der vielen Demonstranten ein tolles stilistisches Mittel. Es macht den Film echt.

ZEIT ONLINE: Ultragruppen sind Teil einer Subkultur. Sie äußern sich sehr selten öffentlich. Istanbul United überrascht mit sehr nahen Einblicken. Sie zeigen Szenen aus den Wohnungen der Ultras und durften die Vorbereitungen zu Choreographien im Stadion begleiten.   

Waldhauer: Nach unserem ersten Aufenthalt in Istanbul produzierten wir einen Trailer, um via Crowdfunding Geld einzunehmen. Diesen kurzen Film sahen die Ultras. Sie registrierten, dass wir ihr Anliegen verstanden hatten. Das hat Vertrauen geschaffen.

ZEIT ONLINE: Wie stehen Sie selbst zu den Ultras?

Waldhauer: Meine Meinungen zu Pyrotechnik, manchen Journalisten und zu Polizeieinsätzen decken sich mit ihren Ansichten. Im Gegensatz zu einigen von ihnen lehne ich aber physische Gewalt vollkommen ab. Darüber habe ich mit den Ultras diskutiert. Diese Ehrlichkeit war entscheidend.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie mit diesen Widersprüchen im Film umgegangen?

Waldhauer: Ich baue ihnen kein Podest, aber ich führe sie auch nicht vor. Im Film sagt jemand: "Mit vierzehn konnte ich mir vorstellen, jemandem einen Stein an den Kopf zu schlagen." Das lasse ich so stehen, kommentiere es nicht. Die Deutung überlasse ich dem Zuschauer.