Der Prothesenspringer Markus Rehm beim Istaf in Berlin ©  Rainer Jensen/picture alliance/dpa

Er war dabei, das hat jeder Zuschauer sehen können. Wie alle anderen Weitspringer auch wurde Markus Rehm vor dem Wettbewerb im Olympiastadion vom Stadionsprecher vorgestellt, vom Publikum begrüßt, vielleicht ein bisschen freundlicher als die meisten anderen. Er lief auch genauso an, um sich mit einem weiten Satz in die Sandgrube zu befördern. Aber auf einmal war Rehm wieder verschwunden. Als der Computer die Ergebnisse der Weitspringer auflisten sollte, fehlte sein Name, fehlten seine Weiten. Dann tauchte er doch wieder auf – auf einer anderen Seite, ganz alleine unter einer eigenen Überschrift: T/F 44.

Markus Rehm war am Sonntag eine Klasse für sich und doch einer von allen. Das klingt etwas kompliziert, aber einfacher lässt sich die Wirklichkeit für Rehm in der Leichtathletik gerade nicht beschreiben. Der 26 Jahre alte Weitspringer startet mit einer Prothese und weil nicht geklärt ist, ob er damit einen Vorteil hat, springt der Paralympicssieger in T/F 44, das ist die Klasse, der er beim Behindertensport zugeordnet ist.

Gemessen an der Zuschauerzahl war das Istaf für Rehm die bisher größte Bühne nach den Paralympics in London. "Ich bin dankbar, dass ich mitspringen durfte. Es war unglaublich, hier dabei zu sein", sagt er hinterher. "Toll und cool" fand er es, durch Nebel und vorbei an Feuersäulen in den Innenraum des Olympiastadions einlaufen zu können, diese neue Form hatten die Veranstalter für die Vorstellung der Athleten gewählt. Und im Wettkampf landete er mit seinem weitesten Sprung bei 7,86 Meter. Das wäre Platz drei gewesen. Eigentlich. Offiziell war es eben der erste Platz in der Klasse T/F 44.

Kein Exot mehr

Rehm schien das jedoch überhaupt nicht zu stören. "Ich hatte einfach Spaß im Wettkampf, da ist die Platzierung völlig irrelevant." Zum Abschluss der Saison habe er noch einmal einen Sprung über acht Meter zeigen wollen, aber das sei ihm eben nicht gelungen. "Ich würde jederzeit wieder hier springen."

Der Wettbewerb der Weitspringer gehörte bei diesem Istaf nicht zu den herausragenden Ereignissen. Aber das Besondere daran war eben genau diese Normalität, die Gelassenheit, dass es hier ein Miteinander und Nebeneinander geben kann. Dass ein Athlet, der bei einem Unfall ein Bein verloren hat und jetzt mit einer Prothese springt, kein Exot ist. Das war das Bemerkenswerte bei diesem Istaf, vielleicht noch mehr als der Weltrekord der Hammerwerferin Anita Włodarczyk. Und das Istaf könnte damit sogar ein Modell für Inklusion sein.

Auf der sportpolitischen Ebene ist diese Normalität noch nicht angekommen. Rehm weiß noch nicht einmal, ob er sich noch Deutscher Meister nennen darf. Diesen Titel hatte er im Juli in Ulm bei den Nicht-Behinderten gewonnen, mit einer Weite von 8,24 Meter. Für die Europameisterschaften hatte ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband anschließend dennoch nicht nominiert. "Es gibt Gespräche darüber, es soll eine Arbeitsgruppe gebildet werden. Wenn ich nicht gerechtfertig gewonnen habe, will ich die Medaille auch nicht behalten", sagt Rehm.

Als er das erzählte, stand Christian Reif neben ihm, der mit 7,71 Meter Sechster beim Istaf geworden war. Oder Siebter, wenn man Rehms Leistung mitzählen möchte. Die beiden verstehen sich und schätzen sich. "Die 8,24 Meter von Ulm sprechen für sich. Das ist unglaublich. Und hier springt er vor 45.000 Leuten. Ich ziehe den Hut", sagte Reif, der 2010 Europameister geworden war. "Das Publikum hat es heute toll gelöst", fand Reif, "und Markus natürlich auch." Ob er sich nicht mit Rehm vergleichen wolle, wurde Reif gefragt. Doch auf die Diskussion über Vergleichbarkeit ihrer Leistungen wollte er sich gar nicht einlassen. "Ich denke, es ist alles gesagt. Wenn man das so macht wie hier, ist das zukunftsweisend." Und Rehm sagte: "Das Publikum hat mich super unterstützt und bei meinen Weitsprung-Kollegen kann ich mich nur bedanken – Kollegen sage ich, nicht Konkurrenten."