Frage: Herr Lemke, die Europäische Union hat laut der Zeitung El País intern darüber diskutiert, ihren Mitgliedsländern einen Boykott der WM 2018 in Russland zu empfehlen. Was halten Sie davon?

Willi Lemke: Ich denke, dass das nicht empfehlenswert ist. Die Politik sollte sich nicht in die Belange des Sports einmischen. Das ist auch noch vier Jahre hin, man weiß gar nicht, was bis dahin passiert. Sonst loben wir immer die Unabhängigkeit der Sportgremien, und so eine Frage sollte nicht die EU ohne die Verbände entscheiden.

Frage: Ist ein Sport-Boykott ein generelles Tabu?

Willi Lemke: Nein, das ist kein Tabu. Die Frage ist, wann ein Boykott angemessen ist. Ich finde, zum jetzigen Zeitpunkt ist er nicht angemessen.

Frage: Gibt es ein Szenario, in dem ein Boykott aus Ihrer Sicht Sinn machen würde?

Willi Lemke: Das muss man genau prüfen. Aber ich kann nicht drei oder vier Jahre im Voraus Empfehlungen aus der Politik annehmen, eine WM zu boykottieren. Zunächst sollte die weitere Entwicklung abgewartet werden. Der deutsche Bundespräsident Gauck hat in Richtung Russland gesagt: "Wir werden Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen."

Frage: Zählt dazu nicht auch der Sport?

Willi Lemke: Ich sehe dabei nicht den Bereich der Kultur oder des Sports konkret angesprochen.

Frage: Aber deutsche Olympiateilnehmer zum Beispiel sind beim Innenministerium angesiedelt und werden mit Steuermitteln bezahlt. Kann der Sport da wirklich immer darauf verweisen, unpolitisch zu sein?

Willi Lemke: Einerseits können wir dankbar sein für die hervorragende Unterstützung unserer Spitzenathleten, andererseits sollten wir die Sportler nicht dafür in Geiselhaft nehmen. Ich finde es nicht angemessen, wenn Politiker jetzt den Sport auffordern, sich politisch zu positionieren. Das geht nicht.