Bisher hießen sie Zelluloidkünstler. Oder Zelluloidartisten. Nun müssen sich Journalisten und Fans ein neues Synonym für die begabtesten der Tischtennisspieler ausdenken. Denn: Zelluloid ist out.

Mit Beginn der Team-Europameisterschaft in Lissabon hat am Mittwoch eine neue Ära begonnen. Erstmals seit 88 Jahren wird bei einer WM oder EM nicht mehr mit dem Zelluloidball, sondern mit einer kleinen Kugel aus Plastik gespielt. Zelluloid gefährdet die Gesundheit und ist leicht entflammbar. Die in China oder Japan hergestellten Bälle gelten als Gefahrengut. Sie mussten extra mit Container-Schiffen transportiert werden. In Päckchen oder Paketen der DHL dürfen sie zum Beispiel nicht verschickt werden. Deshalb hat der Weltverband ITTF das Aus für den Zelluloidball zumindest auf internationaler Ebene beschlossen.

"Plock" statt "Ping" und "Pong"

Seit 1891 wird im Tischtennis mit Zelluloid gespielt.  Es ist dafür besonders geeignet, weil es so elastisch ist und sich beim Auftreffen auf Schläger und Tisch extrem verformen kann. Doch wie in der Filmindustrie hat das Zelluloid auch im Tischtennis ausgedient.

Mit Folgen für den Sport? Ja. Statt eines "Ping" und "Pong" wird künftig eher eine Art "Plock" zu hören sein. Ansonsten bleibt der Tischtennisball ein Tischtennisball. Fast zumindest.

"Da gibt es keinen Riesenunterschied, nur Nuancen. Der neue Ball hat einen Tick weniger Spin, die Bedingungen sind aber für alle gleich", sagte Timo Boll, Deutschlands erfolgreichster Tischtennisspieler. Er findet die Qualität der EM-Bälle nach den ersten Einheiten gut, auch wenn bei seinem Teamkollegen Patrick Franziska einige kaputt gingen. "Ich bin ein Typ, der sich nicht so leicht verrückt machen lässt", sagte der 33-jährige Boll vor dem Auftaktmatch gegen Österreich. Die zahlreichen Bedenken, die wegen der Produktion und Distribution der Plastikbälle geäußert worden waren, haben sich weitgehend nicht bestätigt.

Schwankende Qualität der Bälle

Auch in der Tischtennis-Bundesliga wird seit einigen Wochen ohne Komplikationen mit den neuen Bällen gespielt. In den unteren Spielklassen sind teilweise noch die alten aus Zelluloid erlaubt. "Der Plastikball ist kein Problem. Die Spieler, die vorher gut waren, sind es auch weiterhin", sagte der Bundestrainer Jörg Roßkopf. 

Das sehen aber nicht alle so. Für den normalen Zuschauer sind die Unterschiede kaum sichtbar, die Top-Spieler registrieren die schwankende Qualität der Plastikbälle aber genau. Es gibt Bälle mit und ohne Naht, je nach Firma fliegen sie mal höher oder flacher, sind schwerer oder leichter, hart oder weich. "Das ist schon ein Problem. Ich hoffe, dass sich die verschiedenen Hersteller mit der Zeit auf eine Qualität einpendeln werden. Dann wäre der neue Ball mit weniger Rotation eine gute Sache", sagte der Einzel-Europameister Dimitrij Ovtcharov.

Andere Spieler berichten, die Technik sei noch wichtiger geworden, weil der Ball schnell an Geschwindigkeit verliere und man ihm beim Absprung entgegengehen müsse.

Zweite Ball-Revolution

Ovtcharov, der Weltranglisten-Fünfte, der wegen seiner Zahnprobleme den EM-Auftakt in Portugal verpasste, gilt als großer Tüftler. Sein Vater und Heimtrainer hatte im heimischen Tündern bei Hameln ein Paket mit 400 Plastikbällen jener Firma bestellt, mit deren Premium-Produkten auch in Lissabon gespielt wird. Von diesen Spitzenbällen erhielt im EM-Vorfeld laut Ovtcharov jeder Verband nur zwölf Bälle für Übungszwecke.

Es ist bereits die zweite Ball-Revolution dieser Sportart. Schon 2001 wurde der 38-Millimeter-Ball gegen einen zwei Millimeter größeren ausgetauscht. Das Spiel sollte langsamer und attraktiver für den Fernsehzuschauer werden, der oftmals gar nichts erkennen konnte. Und damals gab es das gleiche Problem wie heute: Vertreiber, Firmen, Verbände, Klubs und Spieler wissen nicht wohin mit den alten Bällen. Aktuell sind in vielen europäischen Lagerhäusern Tischtennisbälle im Angebot. Sie kosten nur noch zwischen zwei und drei Cent pro Stück.