Jedes Jahr sammelt die Zentrale Informationsstelle Polizeieinsätze (Zis) Daten zur Gewalt im Fußball und veröffentlicht sie in einem Bericht. Die Behörde zählt, wie viele Fans bei Bundesligaspielen verletzt, wie viele Fans festgenommen und wie viele bengalische Feuer am Stadioneingang konfisziert wurden. In der vergangenen Woche erschien der Bericht für die abgelaufene Saison 2013/14.

Der Bericht ist für viele Parteien wichtig. Wenn die Zahlen höher sind als im Vorjahr, wie es gerade der Fall ist, wenn es also scheinbar immer gewalttätiger zugeht in deutschen Fußballstadien, können Innenminister gegenüber den Steuerzahlern die Kosten für Polizeieinsätze rechtfertigen. Polizeigewerkschaftler können die Vereine auffordern, sich an den steigenden Sicherheitskosten zu beteiligen. Dazu kommen die Skandal-Überschriften der Boulevardmedien.

Doch der Bericht ist problematisch. Die Zahlen werden undifferenziert und schwer nachvollziehbar erhoben. "Der Bericht ist für zuverlässige Analysen und Aussagen zum Grundproblem der Gewalt in und um Stadien nicht zu gebrauchen", sagt der Polizeiwissenschaftler Thomas Feltes, der zu dem Thema forscht und Konzepte zum Umgang mit Gewalt im Fußball entwickelte.

Gruppen unter Generalverdacht

Viele Zahlen werden ohne Augenmaß erhoben. So etwa die 8.989 freiheitsentziehenden Maßnahmen der abgelaufenen Saison, ein Anstieg um 31 Prozent. Was genau für Maßnahmen das sind, wird nicht beschrieben. Fanrechtler und Fananwälte argumentieren, dass manchmal Hunderte von Fans als Tatverdächtige behandelt werden. Ganze Gruppen würden unter Generalverdacht gestellt, würden gezielt eingekesselt und nicht wenige von der Polizei erfasst, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind.

Was in dem Bericht nicht steht: Wie viele tatsächliche Urteile sich aus den freiheitsentziehenden Maßnahmen ergeben. Wie viele der 8.989 Verdächtigen also auch tatsächlich gegen ein Gesetz verstoßen haben. "Da es von der Justiz keinen standardisierten Rückfluss über den Ausgang von Strafverfahren zur Polizei gibt, liegen hierzu keine Daten vor", heißt es von der Zis. Experten gehen davon aus, dass es sich hierbei nur um einen niedrigen einstelligen Prozentsatz handelt.

Mehr verletzte durch Pfefferspray als durch Bengalos

Ein anderes Beispiel: Im Bericht werden in der kompletten Spielzeit sieben durch Pfefferspray verletzte Stadionordner aufgeführt. "Das halte ich für absolut unrealistisch. So viele habe ich alleine schon bei drei Spielen gesehen", sagt der Kriminologe Feltes. Zudem wird in dem aktuellen Bericht nicht definiert, was genau eine Verletzung eigentlich sein soll und wer für die Verletzung verantwortlich ist.

Immerhin liefert eine neue Kategorie einen Anhaltspunkt für eine Antwort auf die letzte Frage. Zum ersten Mal wird in dem aktuellen Bericht unterschieden ob Stadionbesucher, Ordner oder Polizisten durch Pyrotechnik oder Pfefferspray verletzt wurden. Das Ergebnis ist nicht gerade schmeichelhaft für die Polizei. In der abgelaufenen Bundesligasaison verletzten sich demnach 164 Personen durch bengalische Feuer, 168 Personen jedoch durch den Einsatz von Pfefferspray. "Die Zahlen lassen darauf schließen, dass die Gefahr, bei einem Fußballspiel verletzt zu werden, nach wie vor eher von der Polizei, als von Fans oder Ultras ausgeht", sagt Feltes. Die Zis hält dagegen. Die meisten Ultras würden sich wegen des geltenden Kodex nicht melden, wenn sie durch Pyrotechnik verletzt wurden.