In Köln demonstrierten gestern mehr als 4.000 Hooligans und Neonazis gegen den Salafismus. Es kam zu Ausschreitungen mit der Polizei. © Alexander Koerner/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Gebhardt,  gestern demonstrierten in Köln bei einer Kundgebung der "Hooligans gegen Salafisten" (Hogesa) mehr als 4.000 Hooligans und Nazis gegen Salafisten. Hat Sie das überrascht?

Richard Gebhardt: Nicht wirklich. In Nordrhein-Westfalen sind viele Hooliganszenen beheimatet. Zudem war die rechte Kleinpartei Pro Köln trotz offizieller Distanzierung als Mitorganisator involviert. Offenkundig gibt es Schnittmengen mit der Hooliganszene. Dass viele kommen würden, hat sich in den vergangenen Wochen schon abgezeichnet.

ZEIT ONLINE: In der Berichterstattung werden gerade viele Begriffe durcheinandergeworfen: Hooligans, aktive Fußballfans, Ultras. Helfen Sie uns.

Gebhardt: Ultras verstehen sich oftmals selbst als politisch, für sie ist das Stadion ein politischer Ort, ihnen geht es um die Unterstützung des Vereins. Hooligans hingegen folgten bislang vordergründig dem Motto der rechten Musikband Kategorie C, Politik und Fußball zu trennen. Zudem sind die Hooligans geprägt von einem sehr männlichen Bild und sehen sich selbst als Krieger.

 ZEIT ONLINE: Viele, vor allem Ultras, distanzierten sich recht schnell.

Gebhardt: Das liegt daran, dass viele Ultragruppierungen eher politisch links liegen. Die Hooligans hingegen nutzen den Fußball als Vehikel. Hooligans sind der missratene Teil der Fußballfamilie. Allerdings darf die Familie nun nicht so tun, als gehöre dieser Teil nicht zu ihr. 

ZEIT ONLINE: Passanten berichten von Dortmund und Schalke-Hools, die zusammen Bier getrunken haben.

Gebhardt: Ja, das ist bezeichnend. Durch das gemeinsame Feindbild der Salafisten glätten sie ihre alten Differenzen. Normalerweise treffen die sich auf der Wiese und prügeln sich, jetzt plauschen sie gemeinsam. Verrückt, oder?

ZEIT ONLINE: Bis vor Kurzem dachten wir, Hooligans sind fast verschwunden.

Gebhardt: Die Hooligans waren in den achtziger Jahren sehr aktiv. Jetzt erleben wir nicht nur die Rückkehr in die Stadien, wo sich die Alt-Hools als Elder Statesmen der Fanszene präsentieren. Die alte Behauptung, Fußball sei Fußball und Politik sei Politik, war ja schon immer vorgeschoben. Was wir jetzt sehen, ist eine Neu-Politisierung – und die erfolgt ungewohnt offensiv.  

ZEIT ONLINE: Ist das gefährlich?

Gebhardt: Es steckt eine große Dynamik drin. Die starke Politisierung einer Szene, die sich über Gewalt definiert, ist kein gutes Zeichen. Mein Eindruck ist, dass vor allem in Nordrhein-Westfalen die Hooligans gerade ihre Zurückhaltung aufgeben und sich mit Polemik, Aktionismus und Übergriffen auf andere wieder zurückmelden. Angesichts der Islam-Kritik, die die Bewegung Hogesa als Leitmotiv ausgerufen hat, würde ich sogar von einer Neu-Formierung sprechen.

 ZEIT ONLINE: Die sich jetzt ganz offen mit Rechtsradikalen präsentiert.

Gebhardt: Alle 4.000 Teilnehmer, die gestern in Köln waren, können eine Verbindung zur extremen Rechten nicht mehr abstreiten. Aber, und auch das ist wichtig: Nicht jeder Hooligan ist ein Neonazi. Wie fast überall gibt es Abstufungen, Zwischentöne. Weil sich Hooligans aber ständig im rechtsoffenen Milieu bewegen, sind sie für eine solche Mobilisierung anfällig.

ZEIT ONLINE: Sind Hooligans politisch?

Gebhardt: Ich habe versucht, gestern in Köln mit ein paar Hooligans zu sprechen. Ich hatte den Eindruck, dass den Brüdern, die ich erwischt habe, das politische Anliegen egal war. Wenn wir über Fußballfans und Politik reden, müssen wir uns vom engen Parteipolitikbegriff lösen. Wir reden hier nicht von SPD und CDU. Das trifft auf Hooligans nicht zu. Hooligans stehen für eine klare Geschlechterrolle und praktizieren im Stadion eine Hegemoniepolitik des Stärkeren. Sie entscheiden, welche Minderheiten geduldet werden und welche nicht.