Die deutschen Hooligans überlegen gerade, wie es weitergehen soll. Nach den Krawallen am Sonntag in Köln, nachdem das ganze Land plötzlich wieder über sie spricht, denken sie über weitere Demonstrationen nach. Experten rätseln derweil darüber, wie anschlussfähig die Gruppierung Hooligans gegen Salafisten (Hogesa) ist. Schaffen Sie es, auch Normalos zum Protest gegen Salafisten zu bewegen, oder hat der martialische, rechtsextreme Auftritt vom Wochenende eher geschadet?

Indizien, ob die Hogesa Potential für eine größere Bewegung haben, könnte ein Blick nach England liefern. Die deutschen Hooligans orientieren sich an der English Defence League (EDL), einer islamfeindlichen Bewegung, die sich schon 2009 bildete. Auch aus der Hooliganszene heraus.

Aus den englischen Fußballstadien sind die Hooligans weitgehend verschwunden. Die gewalttätigen Randale, mit denen oft kriminelle Rabauken britischen Fußball und seine Fans so in Verruf brachten, dass genervte Europäer von der "englischen Krankheit" sprachen und zwischen 1985 und 1990 englische Clubs von europäischen Wettbewerben ausschlossen, sind Geschichte. Dank scharfer Gesetze und starkem Polizeieinsatz. Doch das friedliche Bild, das englische Stadien an Spieltagen mittlerweile bieten, täuscht, sagt John Garland, Kriminologe an der University of Surrey: "Es gibt die Gruppen noch und sie sind recht gut organisiert." Mit ihnen überlebt habe ihre rechtsextreme, rassistische Gesinnung.  

Angeblicher Schutz vor radikalen Islamisten

Vor vier Jahren hat Garland zusammen mit seinem Kollegen James Treadwell in einer Studie detailliert dargelegt, wie aus Hooligan-Firmen die EDL entstand. "Hooligans sahen in der EDL ein Ventil für ihre Aggressivität", sagt Garland. "Wer auf Krawall aus war, Ausschreitungen genoss, der fand bei den Protestmärschen der EDL, was er suchte."

Auslöser der ersten Anti-Islam-Demonstration war eine Zeitungsmeldung. Stephen Yaxley-Lennon hatte gerade seinen Job verloren, nachdem er betrunken ausgerechnet einen Polizisten verprügelt hatte. Da las er, dass eine Gruppe von Islamisten vor einer Bäckerei in seiner Nachbarschaft in der nördlich von London gelegenen Kleinstadt Luton junge Muslime für den Kampf der Taliban in Afghanistan anwarb. Das war 2009 und noch vier Jahre später erinnerte sich Yaxley-Lennon im Interview mit dem Daily Telegraph: "Ich dachte, das können sie doch nicht tun! Wir sind hier alle Arbeiterklasse, und jeder von uns kennt jemanden, der beim Militär ist. Ich hab einen Kumpel, der beide Beine verloren hat. Und diese Kerle schicken die Leute los, damit sie unsere Jungens umbringen."

Yaxley-Lennon fand Gleichgesinnte vor allem unter Hooligans. Als wenig später eine Splittergruppe der verbotenen radikal-islamistischen Al-Muhajiroun britische Soldaten angriff, die gerade aus Afghanistan zurückgekehrt waren, wuchs der Protest der sich patriotisch fühlenden Hooligans. Yaxley-Lennon gründete die English Defence League, und gab sich einen neuen Namen, angeblich um sich vor Angriffen radikaler Islamisten zu schützen. Die Wahl seines Decknamens ist bezeichnend: Yaxley-Lennon nannte sich künftig Tommy Robinson, nach einem bekannten und berüchtigten Hooligan.

Gefährlicher als die British National Party

"Die EDL profitierte von der anti-islamischen Stimmung in Großbritannien nach den Anschlägen vom 11. September und nach den Bombenattentaten auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005", sagt Garland. Mit Sprüchen wie "Nein zur Unterwerfung unter die Taliban" und "Wir wollen unser Vaterland zurück" zogen Hunderte von EDL-Anhängern durch Birmingham, Manchester oder Nottingham. Es kam zu Prügeleien mit muslimischen Gegendemonstranten und Polizisten, dutzende Randalierer wurden festgenommen. In den Jahren 2010 und 2011 nahmen die gewalttätigen Demos der EDL so stark zu, dass Beobachter begannen, sie für gefährlicher zu halten als die rechtsradikale British National Party.

Dabei bestreitet die EDL, rassistisch oder auch nur anti-muslimisch zu sein. Die Demos richteten sich lediglich gegen radikalen Islamismus, behauptete der EDL-Anführer Robinson. "Robinson verkauft sich gut in Interviews", sagt Garland. "Aber wenn man seine Reden hört, dann hört man aggressive Islamophobie." Der Soziologe Paul Jackson analysierte, dass die EDL traditionelle englische Grundwerte wie Toleranz, Demokratie und Aufklärung als "kulturelle Identitätsmerkmale" nutze, um Muslime als un-englisch auszugrenzen.