Lance Armstrong während der Tour de France 2009 © Christophe Karaba

Kurz nach seiner überstandenen Krebserkrankung, 1998, als Lance Armstrong noch nicht genug Kräfte hatte für die nächste Tour de France, fuhr er in Oregon bei einem Kinderrennen mit. Er war damals schon ein kleiner Star, die Kinder freuten sich, die meisten waren nicht älter als sechs, viele fuhren mit Stützrädern.

Die Strecke war nur ein paar Hundert Meter lang. Armstrong fuhr neben dem Führenden, einem beherzt strampelnden Zehnjährigen. Kurz vor dem Ziel trat Armstrong an, um als Erster über die Ziellinie zu fahren. Der Zehnjährige wurde Zweiter, die Veranstalter schämten sich.

Das könnte man als Anekdote abtun, so sind sie halt, die Spitzensportler, vom Erfolg besessen, narzisstisch, fanatisch. Wären es nicht genau diese Eigenschaften, die Lance Armstrong zum wohl größten und dreistesten Sportbetrüger aller Zeiten machten. Er gewann sieben Mal die Tour de France, sieben Mal hatte er gedopt.

"Behandelt Menschen wie Bananen"

All das ist nicht neu, über Lance Armstrong gibt es viele Bücher. Doch Lance Armstrong – Wie der erfolgreichste Radprofi aller Zeiten die Welt betrog, das in dieser Woche in Deutschland erschien, hat das Zeug, das Buch über Lance Armstrong zu werden. Die New-York-Times-Journalistin Juliet Macur, die Armstrong über viele Jahren begleitete, zeigt vor allem eines: was Lance Armstrong für ein Arsch war.

"Lance behandelt Menschen wie Bananen, nimmt sich, was er braucht und wirft die Schale dann einfach auf die Straße." So wird die Ehefrau von Armstrongs einstigem Mentor J. T. Neal zitiert. Neal ist eine der Personen im Buch, die auch für Armstrong-Experten neu ist. Neal lernte den 18-jährigen Armstrong kennen und wurde so etwas wie der Ersatzvater von Armstrong, der in schwierigen familiären Verhältnissen aufwuchs. 

"Geh nach Hause! Ich scheiß auf dich."

Neal fertigte Tonbandaufzeichungen an, 26 Stunden lang, die Macur abhören durfte. Etwa zeitgleich wie Armstrong erkrankte Neal an Krebs. Als ihm eine wichtige Knochenmark-Transplantation bevorstand, ließ Armstrong Neal im Stich, Armstrong hatte Backstage-Karten für seine Lieblingsband. Zu Neals Beerdigung kam er direkt nach einem Fototermin, in T-Shirt, Jeans und Badelatschen.

Seiner eigenen Mutter verweigerte Armstrong lange Jahre finanzielle Unterstützung. Seinen Stiefvater, mit dem er brach, ließ er am Rande eines Charity-Rennens von der Polizei abführen. Seiner ersten Ehefrau Kristin eröffnete er am Valentinstag, dass er sich scheiden lassen möchte.

Armstrong ließ alle, die nicht wollten wie er, seine Macht spüren. Den Journalisten David Walsh, über Jahre ein Intimfeind von Armstrong, weil er früh über Dopingindizien berichtete, versuchte er zu isolieren. Auf der Tour de France war es unter Journalisten üblich, Fahrgemeinschaften zu bilden. Armstrong drohte allen, die Walsh in ihrem Auto mitnahmen, mit Interviewentzug.

Härter traf es Rad-Kollegen, die es wagten, den Mund aufzumachen. Armstrong war der Boss, der Patron, vor ihm kuschten alle. Auf einer Etappe 1999 fuhr er neben Christophe Bassons, den alle nur "Monsieur Propre" (Saubermann) nannten, weil er sich öffentlich gegen Doping aussprach. Einen Tag zuvor hatte er einen besonders beeindruckenden Etappensieg Armstrongs "widerlich" genannt. Armstrong rief ihm während des Rennens zu, er solle endlich das Maul halten. "Was du redest, schadet dem Radsport. Geh nach Hause! Ich scheiß auf dich." Bassons stieg einen Tag später aus der Tour aus und wurde, weil Armstrong es so wollte, zum Geächteten. Zwei Jahre später versuchten mehrere Konkurrenten, Bassons bei einem Rennen in den Straßengraben zu drängen. Er beendete schließlich seine Karriere.

Auf der Tour 2004 jagte Armstrong überraschend einen italienischen Ausreißer namens Filippo Simeoni, obwohl er bereits mit viel Vorsprung das Gelbe Trikot trug (Video, ab 11:00 Minuten). Von Simeoni ging keine sportliche Gefahr aus, doch der Italiener hatte gegen Armstrongs ehemaligen Dopingarzt Michele Ferrari ausgesagt und Armstrong, der Simeoni als Lügner bezeichnet hatte, verklagt. Armstrong schloss zu ihm auf und sagte: "Du hast einen Fehler begangen. Ich habe viel Zeit und viel Geld, ich kann dich fertigmachen." Armstrong zwang Simeoni, sich mit ihm ins Hauptfeld zurückfallen zu lassen. Der gehorchte. Danach blickte der radelnde Armstrong in eine TV-Kamera und machte eine Geste, mit der er seinen Mund mit einem imaginären Reißverschluss schloss. Haltet die Klappe, ihr Verräter, sollte das heißen.