Vor vier Jahren lag ich bewusstlos in einem slowenischen Wald. Ich bin auf einem Felsen ausgerutscht. Ein tschechischer Läufer fand mich und brachte mich zurück zum Ziel. Mein Gesicht war blutverkrustet, in meinem Kopf hämmerte noch Tage später eine Gehirnerschütterung. Ich bin jetzt vorsichtiger.

Ich schaue nach unten, vor mir liegt ein acht Meter tiefer Abgrund, Schweißtropfen perlen über meine Augenbrauen. Springen ist keine gute Idee. Aber irgendwie muss ich da hin, da runter, zur Kontrollstation vier.

Willkommen in Coswig, nahe Dresden. Willkommen beim Orientierungslaufen, deutsche Meisterschaften, der wichtigste Wettkampf im Jahr. Orientierungslaufen, das ist wie eine Schatzsuche im Wald, eine Schnitzeljagd im Dickicht, eine Hatz im Holz. Was auch immer, ich liebe es.

Man braucht eine Karte und einen Kompass. Mit deren Hilfe sind mehrere Checkpoints abzulaufen, die als kleine rot-weiße Schirme im Wald stehen. Jedem Läufer klemmt eine Art USB-Stick am Finger, den man an allen Kontrollstationen in ein kleines Kästchen stecken muss. Im Ziel wird der Stick am Computer ausgelesen. Wer alle Checkpoints in der richtigen Reihenfolge am Schnellsten angelaufen hat, gewinnt.

Ich laufe seit zwölf Jahren, mein Vater hat mich dazu gebracht. Für den OL, wie wir das nennen, habe ich sogar aufgehört, Fußball zu spielen. Meistens ging es am Freitagmittag los. Wir fuhren dann sechs Stunden nach Pößneck oder Frankfurt an der Oder, um durch ein Waldstück zu hetzen, das man nicht kennt und in dem man ratlose Jogger und Spaziergänger hinterlässt.    

Zurück zur Felswand: Links fällt sie langsam ab, ich balanciere an der Kante nach drüben, die letzten zwei Meter rutsche ich durch eine kleine Spalte hinunter. Unten wirkt es wie im Dschungel: Die Bäume stehen dicht, es ist dunkel. Ich stecke meinen Finger in den kleinen Kasten. Es piepst. Das war Station Vier. 21 kommen noch.

Es ist mein erster Wettkampf nach 15 Monaten Pause. Deswegen laufe ich nicht die längste Strecke, 17 Kilometer, sondern nur zwölf. Leider werden die Kilometer als Luftlinie angegeben. In Wahrheit sind es also 16 oder 17. Luftlinie ist was für Draufgänger, für Profis und für Vögel.

Langsam beginnen, sicher in den Lauf finden, dachte ich mir vor dem Start. Es klappt nicht. Ich schlage Äste zur Seite, wate durch Sümpfe und ziehe mich steile Hänge hinauf. In der Geländebeschreibung stand, dass "häufig kleinflächig auftretende Dornengewächse (Himbeeren/Brombeeren) die Belaufbarkeit erschweren". An der siebten Kontrollstation bluten bei mir beide Knie, meine Schenkel sind überzogen von langen Kratzern. Einmal umschlingen mich Dornen bis zu den Schultern, ich hänge wie eine Fliege im Spinnennetz. Am nächsten Tag sehe ich aus, als hätte ich Masern, jede Dorne hat einen kleinen Einstich hinterlassen. 

Bin ich irre? Vielleicht, schließlich mache ich das freiwillig. Aber Laufen auf Asphalt wird mir schnell zu öde, auf einer roten Kunststoffbahn im Kreis zu joggen ist auch nicht besser. Orientierungslaufen ist spannender. Abwechslungsreicher. In den nicht enden wollenden Wäldern in Schweden und Finnland genauso wie zwischen borstigen Sträuchern in der französischen Provence. Die Weltmeisterschaften fanden in diesem Jahr in den Gassen von Venedig statt.

Meine Wettkampfkarte. Zur Übersetzung: Die Strecke ist in rot eingezeichnet, Hochwald ist weiß, Dikichte sind grün, Wiesen gelb, die Höhenlinien braun. Schwarze Linien sind Wege und Pfade. ©Fabian Scheler